Donnerstag, 8. Juli 2010

Planung durch Experimente ersetzen

Ich musste mehrfach schmunzeln, als ich das Interview mit Herbert Seckler, dem Inhaber des Sansibar auf Sylt, in der Wirtschaftswoche las. Er verdient gutes Geld mit Produkten, auf die er sein Logo druckt - angefangen von Schuhen über Hundenäpfe zu Polo-Hemden. Als er auf die Markenerweiterung angesprochen wird, reagiert er fast genervt: Einen (Marketing-)Plan für all das gibt es nicht. Er macht das, was ihm Spaß macht und Geld bringt - in der Gastronomie sind die Margen einfach zu gering. Und geradezu unwirsch wird er, wenn er auf sogenannte Marketing-Experten angesprochen wird. Von ihnen hält er wenig, er würde keine großen Experten kennen. Wer sich als solcher ausgibt, würde ja nichts riskieren, während er seine Existenz aufs Spiel setzt. Das klingt alles mehr nach Zufall als nach Planung. Da nutzt jemand Gelegenheiten, eine Strategie lässt sich höchstens rückwirkend hineininterpretieren.

Ähnliches in einem Beitrag der acquisa. Da wird das Versandhaus Deerberg vorgestellt, das im heimischen Wohnzimmer mit selbstgenähten Lederhosen begann und jetzt 200 Mitarbeiter beschäftigt. Heute verdient man mit einer ganzen Reihe von Geschäftsmodellen Geld, wobei man stets darauf bedacht ist, dass der Kunde sich wohlfühlt. Egal, an welcher Stelle er mit dem Unternehmen Kontakt hat. Aber eine Strategie? Zitat: "Im Marketing habe sich vieles eher zufällig, geradezu natürlich, ergeben."

Zu all dem passt schließlich ein Interview in der Brand eins mit Niels Pfläging, der mit jeglicher Form von Planung und Strategie hart ins Gericht geht. "Wenn Firmen planen, verschwenden sie entweder ihre Zeit oder schaden sich sogar." Die Welt ist nie perfekt und kontrollierbar, sondern immer eine "unfertige Beta-Version".

Und die Alternative? "Testballons". Ausprobieren. Statt großspurig eine Strategie verkünden, nach Osteuropa expandieren und auf dem Bauch zu landen, lieber mal fragen: "Was haltet Ihr davon, ein paar Filialen in Polen zu eröffnen?" Solche Schritte sollten als Experiment begriffen werden, und Experimente dürfen auch mal scheitern.

Solche Botschaften lassen sich vermutlich nicht besonders gut auf PowerPoint-Folien präsentieren. Trotzdem oder gerade deshalb sehr erfrischend.

Rezensionen zum Thema:
Ich habe keinen Plan, Wirtschaftswoche 23/2010
Wohlfühlfaktor in der Heide, acquisa 6/2010
Ziele werden maßlos überschätzt, Brand eins 6/2010

Kommentare:

Bärbel Bohr hat gesagt…

Eine erfrischende Trendwende, wenn auch aus meiner Erfahrung bisher zu sehr auf kleine und kleinste Unternehmen beschränkt. Denn für die Wirksamkeit des „ungeplanten“ Erfolgs braucht es Zuversicht in das eigene Tun, Vertrauen in die Mitarbeiter, flache Hierarchien und Schnelligkeit. In einem sich ständig ändernden Marktgefüge bleiben langfristig die Akteure stecken, die sich allein auf ihre starre Planung verlassen.
Ich rate jedoch davon ab, den Begriff „Experiment“ zu verwenden, um das „nicht-Geplante“ zum Ausdruck zu bringen. Experimente im engeren wissenschaftlichen Sinn sind nämlich in ihrer Anlage bewusst geplante Versuchsabfolgen, die beliebig wiederholt werden können. Was halten Sie davon, den Begriff "Experiment" durch "Improvisation" zu ersetzen? Improvisation im Management ist eine hohe Kunst, die viel Systematik und Übung braucht.

Linda Fischer hat gesagt…

Wirklich ein sehr guter Beitrag. Ich selbst befinde mich gerade in der Situation, etwas aus Spaß begonnen zu haben, aus einer spontanen Lust heraus. Einfach mal ausprobieren.
Und das Ganze zieht jetzt wahnsinnige Kreise.

Ich glaube, wenn man etwas aus Spaß und wahrer Leidenschaft beginnt, ist es wesentlich erfolgreicher, als wenn man nur strategisch alles absteckt.

Johannes hat gesagt…

Hallo Bärbel Bohr,

danke für den Kommentar. Stimmt, ein Experiment hat etwas damit zu tun, einzelne Variabeln systematisch zu ändern. Was mir an dem Begriff doch irgendwie gefällt, denn ein Unternehmen handelt ja innerhalb gewisser gesetzter Rahmenbedingungen. Und eine ändere ich einfach. Ich nehme ein neues Produkt ins Angebot und schaue, was passiert. Oder ich eröffne eine neue Niederlassung im Ausland und verfolge die Entwicklung.
Und konstruiere eben keine gewaltige Strategie mit zig Produkterweiterungen und Niederlassungen, die ich dann nach großem Getöse still und heimlich wieder versanden lasse.

Vielleicht ist ja "Testen" oder "Probieren" besser als Begriff.
Improvisieren hat für mich ebenfalls eine große Bedeutung, aber vielleicht mehr mit "Reagieren" zu tun. Wohl dem, der sich bei aller Planung die Möglichkeit offen hält, zu improvisieren.
So nebenbei: Ich glaube, dass die meisten großen Unternehmen nicht wegen der Planungen funktionieren, sondern eben wegen der Fähigkeit ihrer Mitarbeiter, diese mit viel Improvisationsgabe zu umgehen bzw. erst möglich zu machen.

In diesem Sinne weiter fröhliches "Probieren" :-)
Johannes Thönneßen

Heiko van Eckert hat gesagt…

Ein interessanter Beitrag. Erinnert mich an einen Kunden (er ist CEO eines Industriegüterherstellers, ca. 1Mrd.€ Umsatz), nennen wir ihn DM. Sein Credo ist: Strategie bedeutet für mich vor allem "offen sein für neue Chancen".
Das ist anders, aber ähnlich, oder?
Heiko van Eckert

Johannes hat gesagt…

Hallo Herr van Eckert,

ein schönes Zitat, ich finde, es trifft es genau! Danke.
Johannes Thönneßen

Bärbel Bohr hat gesagt…

Hallo Herr Thönneßen,
ferienhalber kann ich erst jetzt Feedback geben: Ich bin völlig einverstanden mit Ihrer Einschätzung. Insbesondere finde ich Ihre letzte Bemerkung, dass in manchen Unternehmen Mitarbeiter mit Improvisationskunst die herrschenden Dienstwege umgehen, zutreffend. Dies nicht immer nur im positiven Sinne. Offenkundig hat in gewissen Unternehmen die "Improvisationskunst" inzwischen eine hohe Professionalisierung erfahren. Gäbe es sonst Bücher mit dem Titel "Das kleine Handbuch des Projektsaboteurs"? ;-)
Noch eine gute Restsommerzeit,
Bärbel Bohr

Johannes hat gesagt…

Hallo Frau Bohr,

wäre mal eine Überlegung wert: Ein Buchprojekt zum Thema "Saboteur". Mich würde allerdings mehr eines zum Thema "Unternehmen funktionieren nur, WEIL ihre Mitarbeiter ENTGEGEN der Regeln improvisieren" reizen. Aber da würde man wohl Schwierigkeiten kriegen, wenn man Leute gewinnen will, die einem Beispiele erzählen sollen :-)

Ebenfalls einen schönen Sommer
Johannes Thönneßen

Bjoern Habegger hat gesagt…

Ja, tolle Idee - tausche Experimente gegen Planung.
Ich sehe schon die völlig überzeugten Gesichter auf der anderen Seite des Schreibtisches, während der Vorstellung des eigenen Experimentes bei der Bank, VC oder sonstigem Investor.

Johannes hat gesagt…

Hallo Herr Habegger,

wenn Banken und Investoren Pläne sehen wollen, um Geld zu geben, werden sie sicher auch weiter Pläne zu sehen bekommen. Papier ist geduldig. :-)
Johannes Thönneßen