Sonntag, 25. Oktober 2009

Wertschätzung als Holschuld?

In einem Leserbrief in der managerSeminare 10/2009 schrieb ein Herr Jäger: "Wertschätzung ist eine Holschuld". Der Mitarbeiter sollte sich auf den Weg begeben, sich diese Wertschätzung bei seinem Chef abzuholen. Gemeint ist: Sie sich zu verdienen, und zwar durch Leistung. Bekommt er sie nicht, sollte er seinen Chef abwählen. Die Abteilung wechseln, das Unternehmen wechseln oder noch besser: Selbst Chef werden.

Der Brief bezog sich auf einen Artikel (Vom Wert der Wertschätzung), in dem es (wieder einmal) darum ging, dass Menschen Anerkennung benötigen, und dass es Aufgabe von Vorgesetzten ist, ihnen diese zu "gewähren". Also eine Bringschuld...

Ja, was denn nun? Herr Jäger möchte ein Buch mit dem provozierenden Titel "Ausgekuschelt" verkaufen, also provoziert er. Aber hat er nicht Recht?

Die Antwort lautet: Hängt vom Empfänger der Botschaft ab. Steht der Mitarbeiter vor mir und klagt, wie wenig Anerkennung er erhält, dann würde ich ihm wie Herr Jäger raten, sich die Wertschätzung zu verdienen und, wenn sie dennoch ausbleibt, versuchen, den Chef zu wechseln.
Spreche ich mit der Führungskraft, die sich über fehende Loyalität beklagt, würde ich ihr empfehlen, es mal mit Wertschätzung zu probieren.

Solchen Diskussionen begegne ich immer wieder. Der eine argumentiert mit Blick auf die Vorgesetzten und hält ihnen ihre Versäumnisse vor, der andere hat den Mitarbeiter im Blick und reibt ihnen ihre Opferhaltung unter die Nase. Eben alles eine Frage der Perspektive...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mir kommt - allerdings ohne die referenzierten Artikel gelesen zu haben - der Begriff der "Wertschätzung" heutzutage oft etwas zu kurz gegriffen, weil oft lediglich auf "messbare" Leistung bezogen, vor.

Tatsächlich ist dies meiner Meinung nach eine degenerierte Sichtweise, denn Wertschätzung ist nicht etwa eine (Ein-) Schätzung eines z.B. in Geld ausdrückbaren Wertes der Arbeitsleistung eines Menschen, sondern vielmehr eine innere Haltung dem anderen Menschen gegenüber, welche sich eben nicht allein in Leistung sowie deren Bewertung und Entgeltung erschöpfen darf. Und damit auch nicht allein auf die Diskussion des Gebens und / oder Einforderns von Wertschätzung, oder unmittelbar daraus zu ziehender Konsequenzen, wenn sie jemandem allein in Form von Entgelt honoriert oder verweigert wird.

So kann eine leistungsrechte Entlohnung zwar völlig ohne Wertschätzung des Entlohnten erfolgen; dem menschlichen Miteinanderwirken zum gemeinsamen Ziel ist sieallein, d.h. ohne (gegenseitige) Wertschätzung, aber kaum förderlich.

Wie heißt es so schön: Der Mensch lebt nicht vom Brot (bzw. Entgelt) allein.

Mit freundlichen Grüßen,

Tom Schlangen

Anonym hat gesagt…

Nachtrag:

Wenn man Wertschätzung als positive Charaktereigenschaft und damit Zierde des Menschen betrachtet, dann erübrigt sich im Grunde auch die Schuldfrage beim Fehlen derselben.

Und eine trotz Vorhandensein verweigerte Wertschätzung ist ein Widerspruch in sich selbst.

Grüße,

Tom

Johannes hat gesagt…

Hallo Tom,

ich denke auch, dass Wertschätzung eine Haltung dem Menschen gegenüber ist. In meinem Beitrag wollte ich ausdrücken, dass es Unsinn ist, über die "Schuldfrage" zu diskutieren. Die Frage ist, wie mit fehlender Wertschätzung umgegangen werden sollte. Führungskräften kann man eben nur empfehlen, sich über ihre Haltung zu Menschen Gedanken zu machen. Mitarbeitern ist zu raten, dass sie nicht über fehlende Wertschätzung jammern, sondern sich lieber ein Umfeld suchen sollten, in dem Wertschätzung selbstverständlich ist. Beides nicht einfach...

Gruß
Johannes