Dienstag, 14. Oktober 2008

Der Chef als Coach?

Die Diskussion um den Vorgesetzten als Coach macht auf mich inzwischen den Eindruck, als diene sie nur noch dazu, Coaching als Thema in den Medien zu halten. Irgendwie muss man ja im Gespräch bleiben. Und demonstrieren, dass Coaching einfach wichtig und unersetzlich ist. Wie ist es denn nun: Können Führungskräfte ihre Mitarbeiter coachen?

Klar, sie können. Um einen Vergleich aus dem Sport zu ziehen (beim Thema Coaching vielleicht naheliegend): Mein Sohn spielt Tennis. Hin und wieder unterliege ich der Versuchung, ihm Tipps zu geben, ihn nach Niederlagen aufzubauen oder vor einem Spiel nach seinen Erwartungen zu fragen. Schwierig! Wenn Eltern versuchen, ihre Kinder zu coachen, dann können Eltern-Kind-Beziehungen aus den Fugen geraten. Was erwartet der Vater von seinem Sohn? Bleibt das nur auf den Sport beschränkt oder lässt es sich auch auf andere Bereiche übertragen? Und was, wenn Erwartungen enttäuscht werden?

Überhaupt: Ein Trainer kann dem Sportler so manches abverlangen, was einem Vater kaum gestattet wird - und umgekehrt. Und dennoch: Es gibt Beispiele erfolgreicher Sportler, die von einem Elternteil trainiert werden. Nun kann man darüber streiten, ob sie nicht noch viel erfolgreicher hätten sein können, wenn es eben doch ein "Profi" gewesen wäre. Fakt aber ist: Es funktioniert.

Doch kein Coaching durch Vorgesetzte?

Trotzdem würde ich es immer vorziehen, die Rollen zu trennen - auch bei Führungskräften und Mitarbeitern.
Drücken wir es anders aus: Es hat viele Vorteile, wenn der Vorgesetzte nicht versucht, als Coach seiner Mitarbeiter aufzutreten. Aber darf er deshalb auch nicht coachen? Noch mal zum Tennis: Wenn ich meinen Sohn nach einem Spiel frage, wie es ihm geht und er froh ist, reden zu können; oder wenn er mir von sich aus erzählt, was ihn vor einem Match beschäftigt und ich ihm aufmerksam zuhöre; oder wenn er mich fragt, was er gegen einen bestimmten Spieler machen soll und ich zurückfrage, was ihm denn beim letzten Mal gelungen ist, dann handele ich wie ein Coach.

Und genau so, denke ich, sollten sich Führungskräfte verhalten: Wenn ihr Verhältnis zu einem Mitarbeiter die Rolle als Coach ermöglicht und der Mitarbeiter das möchte - warum nicht? Wenn sie sich in bestimmten Situationen auf Wunsch des Mitarbeiters wie ein Coach verhalten - wunderbar. Wenn sie sich aber aufdrängen und plötzlich vom Vorgesetzten zum Coach mutieren, weil dies der neuste Schrei der Führungslehre ist, dann bekommen sie prächtige Probleme. Garantiert.

Rezension zum Thema:
Die Führungskraft als Coach? Wirtschaftspsychologie aktuell 2/2008

Kommentare:

Bettina Stackelberg hat gesagt…

Sehe ich ähnlich, Herr Thönneßen! Die Haltung eines Coaches ist für eine gute Führungskraft meist unabdingbar, denke ich: Empathie, richtiges aktives Zuhören ohne eigene Interpretation des Gesagten, eher Fragen als Ratschläge, Motivation und Unterstützung. So weit,so gut. Aber ein Chef ist ein Chef. Und mein Chef hat in letzter Konsequenz das Recht, mich rauszuschmeißen, wenn er nicht mehr überzeugt ist von meiner Leistung. Und ab diesem Punkt wird für mich "Chef als Coach" schwierig!
Kein Chef dieser Welt kann mir erzählen, dass es sich NICHT irgendwo bei ihm im Hinterkopf absetzt, wenn z.B. ein Mitarbeiter im Coaching davon erzählt, dass er Ängste hat. Dass er Sorge hat, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Dass er überfordert ist. Wie gesagt: Auch wenn ein Chef noch so coaching-fit ist, viel über Coaching gelernt hat und weiss, dass er dem Gesagten gegenüber neutral gegenüberstehen muss: Er ist auch seinem Unternehmen gegenüber verantwortlich und hat Sorge zu tragen dafür, dass geeignete, effektive Mitarbeiter an der richtigen Stelle sitzen.
Hier also ganz eindeutig: Bei wirklichem Coaching Bedarf des Mitarbeiter hat der Chef nichts mehr zu suchen, sondern ein außenstehender, neutraler Coach.
Möglich ist natürlich folgendes: In gewissen Abständen gibts Coachingsitzungen zu dritt, also MIT Führungskraft. Meiner Erfahrung nach eine gute Möglichkeit, alle mit einzubeziehen - gerade wenn die Firma finanziell am Coaching beteiligt ist.
Der Chef erhält dann regelmäßig feedback über den Stand der Dinge - aber nicht über Details und den Prozess.

Herzlichst, ein Coach aus Leidenschaft, Bettina Stackelberg :-)

Anonym hat gesagt…

Können Chefs ihre Untergeben coachen? Wenn Sie die nötigen Voraussetzungen mitbringen, also eine fundierte Coach-Ausbildung mit entsprechender Erfahrung haben und vielleicht sogar zertifiziert sind, dann können sie es wahrscheinlich. Also eindeutige Antwort: ja! Aber "Sollen" sie es auch? Wenn ich als Vorgesetzter den Auftrag hätte, einen Untergebenen zu coachen, so würde ich vermutlich ablehnen, selbst wenn ich extern tatsächlich als Coach arbeiten würde. Der Grund wäre für mich ganz einfach: Befangenheit. Wenn ich den Umgang der Juristen mit dem Thema Befangenheit anschaue, so gibt es da sehr klare Grenzen. Diese Grenzen würde ich pesönlich auch für mich in Anspruch nehmen, wenn es um ein hierarchisch geprägtes Arbeitsverhältnis geht.

Wenn ich meinen zwei Söhnen empatisch zuhöre und Fragen stelle, so handle ich in dem Moment sicher ähnlich einem Coach. Reicht das aber, um mich als Coach meiner Söhne bezeichnen zu können?
Die sehr schön beschriebene Situation Herrn Thönneßens vom Umgang mit seinen Kindern halte ich persönlich für eine sehr wichtige Komponente in der Kindererziehung.
Und sicherlich überschneiden sich Coaching und Kindererziehung, Coaching und Mitarbeiterführung oder Coaching und Weiterentwicklung der ehelichen Beziehung (um einen von vielen weiteren Bereichen anzusprechen), aber neben den Überschneidungen gibt es eben auch exklusive Bereiche, und dort fängt dann für mich erst die Professionalität an.

Vielleicht könnte also die Frage nach dem Chef als Coach auch so formuliert werden: Soll ein Vorgesetzter als professioneller Coach für seine Untergebenen fungieren? Für mich ist die Antwort darauf ein klares Nein.

freundliche Grüße
ccs_pro