Dienstag, 20. Januar 2009

Noch mehr Ausbildungen?

Jeder benötigt offenbar eine spezielle Ausbildung, kaum ein Berufszweig bleibt verschont. Das ist ja zunächst gar nicht verkehrt, oder? Wer sein "Handwerk" nicht gelernt hat, der wird auch seinen Job nicht richtig ausfüllen können. Irritierend ist jedoch, wie viele angeblich notwendige Qualifizierungsangebote mittlerweile entstehen.
Da hat jemand herausgefunden, dass Interimsmanagement eine Zukunft hat, immer mehr Fach- und Führungskräfte drängen auf den Markt. Sie haben alle eine Ausbildung genossen und umfangreiche Berufserfahrung. Aber eben nicht als Interimsmanager. Diese Aufgabe erfordere ganz neue Kompetenzen, sagt der Anbieter und stellt sein Ausbildungsprogramm in vier Modulen mit wohlklingenden Namen vor.

Ein anderes Beispiel: Viele Aufsichtsräte haben zweifellos nicht wirklich genau hingeschaut und den von ihnen beaufsichtigen Unternehmen einen Bärendienst erwiesen. Da scheint es gar keine Frage zu sein: Ein zertifizierter Ausbildungsgang für Aufsichtsräte muss her.
Oder: Das Thema "Demografie" rückt in den Blickpunkt, schon gibt es eine Ausbildung zum Demografieberater.

Den Coaching Markt kann man hier auch noch anführen, da verdienen die Ausbildungsinstitute vermutlich mehr als die von ihnen ausgebildeten Coachs mit ihren Coachings.

Misstrauisch sein

Bildung ist ein wachsender Markt, keine Frage. Aber ebenso dürfte es keinen Zweifel geben, dass man sehr genau hinschauen sollte, wem man seine Kursgebühren anvertraut. Was schon allein misstrauisch stimmen sollte: Wie kann es sein, dass, kaum dass ein Berufszweig oder ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, sofort die passende Ausbildung angeboten wird?
Kaum anzunehmen, dass sich jemand genügend Zeit zur Entwicklung eines Curriculums genommen hat geschweige denn weiß, was wirklich den Erfolg in dem jeweiligen Segment ausmacht.

Ideen für weitere Angebote wären:

  • Zertifizierter Zukunftsmanager (wohl dem, der Trends vorhersagen kann)
  • Zertifizierter Vorstand (besonders Frauen zu empfehlen, die ja bisher dort unterrepräsentiert sind)
  • Zertifizierter Unternehmer (mit einer Garantie gegen Insolvenzen)
  • Zertifizierter Mittelmanager (damit es nach oben und unten klappt)
  • Zertifizierter Angestellter (was für eine Zielgruppe...)

Bei den meisten der vorgestellten Zielgruppen hätte man zumindest die Gewähr, dass ausreichende Erfahrungen zur Entwicklung einer Ausbildung vorliegen.

Übel an der Zertifizierungswelle ist, dass man hier Menschen Hoffnungen auf eine berufliche Karriere macht nach dem Motto: Mit der angebotenen Zertifizierung bzw. Qualifizierung setzen Sie sich gegenüber Mitbewerbern durch - ein Versprechen, das in den wenigsten Fällen zu halten sein dürfte.

Rezensionen zum Thema:
Der Ruf nach Qualifikation, Personalwirtschaft 7/2008
Nachhilfe für Aufsichtsräte, Handelsblatt 12.12.2008

Kommentare:

Andreas Reisenbauer hat gesagt…

Kann dem Tipp viel abgewinnen, bei diversen Ausbildungsschienen misstrauisch zu sein. Diesbezüglich sehe ich auch eine Chance in der derzeitige Wirtschaftskrise. Viele Unternehmen überprüfen nun jetzt, welche Aus- und Weiterbildungen sie tatsächlich benötigen und welche nicht. Ich denke, dass wir alle eine Marktbereinigung bei den Anbietern zu erwarten haben, die sicherlich längst überfällig ist.

Stephan List hat gesagt…

Hallo, der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Ich habe mir zu dem Thema auch schon einmal meine Gedanken gemacht, bin aber zu einem anderen Schluss gekommen (http://www.weblog.drlist.de/?p=859). Kein Gegensatz zum Beitrag, sondern Ergänzung.