Donnerstag, 18. September 2008

Personalrekrutierung per Video?

Wer auf der Suche nach einer neuen Stelle ist, der fragt nicht nur nach dem zu erwartenden Gehalt oder den möglichen Aufstiegschancen. Er hätte auch zu gern gewusst, was ihn an seinem neuen Arbeitsplatz erwartet. Eines steht mal fest: Das, was darüber in den Stellenbeschreibungen zu lesen ist, kann man getrost als Fantasie abtun. Ein wahllos herausgegriffenes Beispiel:
"Wir bieten eine anspruchsvolle, interessante und spannende Aufgabe in einer dynamischen Organisation. Gestalten Sie Ihre und unsere Zukunft aktiv mit!" Wow! Wer's glaubt...

Wie aber sieht es tatsächlich aus in dem Unternehmen, bei dem Sie sich bewerben? Wie sind die Kollegen? Wie geht es dort zu? Einen Schnuppertag bieten die wenigsten an. Die Antwort: Videos im Internet. Immer mehr Unternehmen sollen inzwischen mit solchen Videos potenzielle Bewerber anzulocken versuchen. Was zunächst nach einer guten Idee klingt, ist auf den zweiten Blick arg kompliziert. Produziert man professionelle Filme, weiß der Betrachter zwar, dass hier viel Geld angepackt wurde, aber der Inhalt mit der Praxis wenig gemein hat. Wie dieser bekannte Streifen von Accenture bei Youtube - sehr authentisch...



Nun könnte man ja auch einfach die Kamera im Büro laufen lassen und zeigen, wie es wirklich zugeht. Oder die Kollegen bitten, sich mit Amateurvideos vorzustellen (habe in einer kurzen Recherche nichts dergleichen gefunden, vielleich hat ja jemand die entsprechenden Links parat). Das aber wiederum könnte peinlich bis abschreckend wirken. Ein Dilemma.

Der Ausweg: Professonell erstellte Amateurvideos, die so aussehen, als seien sie "echt". Wie bei den Rundgängen durch den Big Boss, wenn alle so tun, als arbeiteten sie wie immer, aber zuvor haben sie den kompletten Betrieb eifrigst auf Hochglanz poliert.

Der Bewerber hat am Ende nur die Möglichkeit, sich für den Arbeitgeber zu entscheiden, der das cleverste Video gedreht hat. Vielleicht ist die gute alte Stellenanzeige dann ja doch besser. Da weiß man wenigstens, dass die Aussagen auf jeden Fall gelogen sind.

Rezension zum Thema:
Achtung, Film täuscht, Wirtschaftswoche 36/2008

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Himmel oder Hölle - Ein Gleichnis

Es war einmal eine sehr erfolgreiche Managerin, die von einem Bus überfahren wurde und starb. An der Himmelstür wurde sie von Petrus persönlich in Empfang genommen. »Willkommen im Himmel!«, sagte Petrus. »Du kannst einen Tag in der Hölle und einen Tag im Himmel probieren. Dann kannst du dir aussuchen, wo du die Ewigkeit verbringen willst.«
Die Managerin entschied sich zunächst für die Hölle und fuhr in einem Lift tief hinunter. Die Türen öffneten sich, und sie verließ den Fahrstuhl: Vor ihr lag ein wunderschöner grüner Golfplatz und etwas weiter weg ein Klubhaus. Dort warteten ihre Geschäftspartner, -freunde und -kollegen, die alle schön gekleidet waren, darauf, sie begrüßen zu können. Sie kamen ihr entgegen, küssten sie und sprachen über alte Zeiten. Sie spielten Golf im Klubhaus. Nach dem Dinner lernte die Managerin den Teufel kennen, der eigentlich recht nett war. Die beiden unterhielten sich angeregt, und die Managerin hatte noch nie in ihrem Leben so viel gelacht. Als sie aufbrechen musste, schüttelten ihr alle die Hand und winkten ihr, als sie in den Fahrstuhl trat. Der Lift entschwand nach oben, höher und immer höher. Petrus erwartete sie bereits.
»Jetzt wirst du einen Tag im Himmel verbringen«, sagte Petrus.
Und die nächsten vierundzwanzig Stunden räkelte sich die Managerin auf Wolken, besuchte Harfenkonzerte und lauschte den Engelschören.
»Jetzt hast du einen Tag in der Hölle und einen Tag im Himmel verbracht«, sagte Petrus. »Jetzt musst du dich für eine der beiden Ewigkeiten entscheiden!« Die Managerin überlegte eine Weile und antwortete dann: »Der Himmel war nicht schlecht, aber in der Hölle hat es mir besser gefallen.«
Petrus geleitete die Managerin zum Fahrstuhl, und diese kehrte in die Hölle zurück. Als sich diesmal die Türen des Lifts öffneten, stand sie vor einer mit Müll übersäten Einöde. Ihre Freunde trugen Lumpen und sammelten Abfälle, die sie in Säcke steckten. Der Teufel kam auf sie zu und legte den Arm um sie.
»Ich verstehe das nicht«, stammelte die Frau. »Gestern war hier ein Golfplatz und ein Klubhaus, und wir haben fein gespeist und getanzt und es uns gut gehen lassen. Heute stehe ich auf einer Müllhalde, und meine Freunde sehen elend aus.« Der Teufel grinste: »Gestern haben wir dich angeworben. Heute gehörst du zur Belegschaft.«

Martin Seibert hat gesagt…

Dieser Film von Accenture ist ja wirklich zum Fürchten. *brrr*

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das positiv auf die Zielgruppe wirkt.

Ich denke auch, dass Videos auf jeden Fall authentisch sein müssen. Professionell oder amateurhaft ist für mich gar nicht entscheidend. Aber glaubhaft muss es sein.

Das Accenture-Spot ist jedoch ziemlich peinlich.

J. Diercks hat gesagt…

Wir haben in verschiedenen Kundenprojekten allerdings sehr gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Bewegtbild zur Berufs-/Studienorientierung bzw. auch zum Employer Branding gemacht (z.B. virtueller Unternehmensrundgang bei Tchibo, "Discover Bertelsmann" oder auch die virtuellen Studienberatungen des "HAW-Navigators"). Insbesondere schmeckt dieser Köder offensichtlich dem Fisch! Natürlich kommt es aber auch hier auf die Art und Weise an - wie eigentlich bei allem im Leben. Insbesondere Authentizität ist essentiell, was im Übrigen für alle Employer Branding Aktivitäten gelten dürfte. Warum wird bei "Schlecht gemachtem" im Internet eigentlich immer so getan, als sei der gesamte Ansatz schlecht? Sollte nicht auch hier gelten, einfach "gutes" von "nicht so gutem" zu trennen, unabhängig vom Medium?

Johannes hat gesagt…

Hallo Herr Diercks,
ich stimme Ihnen zu - man müsste auch mal "gut Gemachtes" vorstellen. Hätten Sie ein Beispiel? Dann füge ich es gerne dem Blog hinzu.

Johannes Thönneßen

Joachim Diercks hat gesagt…

Auch wenn das nicht von uns ist, finde ich die IKEA-Site http://www.deinemoeglichkeiten.de/ sehr gelungen. Von unseren Projekten trifft m.E. http://discoverbertelsmann.createyourowncareer.com/ den Punkt ziemlich gut. Für ein typisches mittelständisches Unternehmen kann man z.B. mal http://biesterfeld.cyquest.de/ nennen. Echte Mitarbeiter - und damit ganz bewusst KEINE Schauspieler - zu Wort kommen zu lassen, erhöht definitiv die Authentizität, auch wenn dies - bewusst - manchmal auf Kosten des einen oder anderen "Ähs" oder Versprechers geht.

M. De Micheli Redaktion hrmbooks.ch hat gesagt…

Das Recruiting-Video ist meistens dann erfolgreich, wenn es mit überzeugenden „Hauptdarstellern“ - sprich glaubwürdigen Mitarbeitern - aufwartet und Szenen mit einem realistischen Einblick in deren Berufsalltag, Aufgaben, Anforderungen und Branche zu vermitteln versteht. Dabei kann dezente Musik, eingeblendete Statements, eine Prise Ironie oder Humor und durchaus auch ein kleiner Lapsus Abwechslung und Unterhaltungswert geben.