Sonntag, 13. Juli 2008

Handwerkskunst

Zwei Dinge sind mir an der Buchbesprechung des neuen Werkes von Richard Sennett aufgefallen: Zum einen erstaunt es mich immer wieder, wie viele Seiten man offensichtlich füllen kann, um eine einfache Botschaft zu vermitteln. Zum anderen dachte ich beim Lesen dieser Botschaft sofort: "Wie wahr!"

Es geht um Handwerkskunst (das Buch heißt auch "Handwerk"). Es ist offensichtlich ein Loblied auf die Werkstatt, auf die manuelle Arbeit und die Einstellung, eine Arbeit "um ihrer selbst willen gut zu machen". Die Kernhypothese lautet: Wir müssen heute so flexibel sein, dass wir gar keine Zeit mehr haben, eine Sache richtig zu beherrschen. Und genau das zeichnet den Handwerker aus: Er ist ein Meister seines Fachs, und das Ziel ist, gute Arbeit abzuliefern (wobei ich fürchte, dass auch viele Handwerker von heute immer weniger "handwerklich" arbeiten, sondern nur noch komplette Bauteile austauschen oder, wie in meiner Autowerkstatt, eine neue Software aufspielen).

Wie wörtlich ist das zu nehmen mit der manuellen Arbeit? Der Mensch dürfe sich nicht zu weit von manuellen Tätigkeiten entfernen, sonst drohe ihm Degeneration, sagt Sennett. Mit Grausen denke ich an meine stümperhaften Versuche, Dinge im Haus zu reparieren. Von HandwerksKUNST kann da keine Rede sein.

Und was ist mit meinen weniger manuellen Tätigkeiten? Kann ich diese auch "um ihrer selbst willen gut machen"? Ich bin da nicht so sicher. So ein Text wie dieser ist schnell verfasst, einmal klicken, fertig ist das "Werk". Welches Handwerksstück ist so schnell geschaffen? Müssen wir Schreiberlinge nicht eigentlich auch lange und sorgfältig feilen und schleifen, ehe wir das Ergebnis unseren Kunden anbieten? Würden wir so arbeiten, gäbe es wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen, was heute publiziert wird.
Nehme mir vor, noch sorgfältiger vorzugehen und Texte auch mal in die Schrottbox zu werfen, wenn sie misslungen sind.

Rezension zum Thema:
Handwerker aller Länder, Financial Times Deutschland 30.5.2008

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich habe Sennet nicht gelesen, beobachte aber allerorten (als Tanz- und Fitness-Übungsleiter auf der einen, Journalist und PR-Fachmann auf der anderen Seite), dass die Fähigkeit, sich klug auf die eigenen körperlichen Fertigkeiten verlassen zu können und diese kontrolliert zielorientiert einzusetzen, mit Vernunft und sozialer Intelligenz korrespondieren. Da wir uns in jeder Hinsicht zunehmend von einer natürlichen Körperlichkeit entfernen (und Fitnesstudios mit ihrem quadratisch-praktisch-gut -"Gesundheitssport" verstärken diesen Trend eher, als dass sie ihn bremsen), wundert mich kaum, wieviel egozentrische Rücksichts- und Dämlichkeit das Licht der Welt erblickt. Da sogenannte "Eliten" am ehesten ihre 60 Stunden-Wochen in der körperlich und geistig einseitigen Extrembelastung des Schreibtisch- und Computerarbeitens verbringen, ist ausgerechnet bei den "Entscheidern" diese psychische Verstümmelung sehr ausgeprägt. Der Kreislauf setzt sich fort.
Für jeden Entscheider sollten nicht-wettbewerbs-, sondern kooperativ-kreative Bewegungsstunden Pflicht sein. Mindestens eine am Tag, je wichtiger die Position, desto mehr. Ich empfehle Tanzen. Aber auch handwerkliche Tätigkeiten, soweit sie kooperativen Charakter haben (Segelschiffe ausbessern z. B.). Die "verlorene" Arbeitszeit würde nach einer Übergangszeit durch bessere Entscheidungs- und Halndlungsqualität mehr als auzsgeglichen werden.
Leider lassen heutige Wirtschaftserwartungen genau diese Übergangszeit anscheinend nicht mehr zu.

Wie schreiben Sie so schön: "Würden wir so arbeiten, gäbe es wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen, was heute publiziert wird."
Und wer würde den minderwertigen Rest vermissen?

Andise hat gesagt…

Handwerkskunst und Kunsthandwerk sind heute in der Regel nur noch etwas für Idealisten. Ich habe gerade einen Onlineshop für Unikate aus dem Kunsthandwerk eröffnet, um den Künstlern eine dauerhafte überregionale Präsentationsmöglichkeit zu geben. Viele meiner Partner können von Ihrer Kunst nicht leben und sind auf den Verdienst von Ehepartnern angewiesen. Und das, obwohl sie sehr gut ausgebildet sind und auf hohem künstlerischen Niveau arbeiten. Aber kaum jemand ist heute noch bereit, einen vernünftigen Preis für handgefertigte Objekte zu zahlen, wo es doch in jedem Baumarkt oder in Kaffeeröstereien ähnlich Dinge aus Fernost gibt. Beispielsweise ist in unserem Shop ein handgewebter Wandbehang zu erwerben, an dem die Kunsthandwerkerin mehrere Monate gearbeitet hat. Obwohl das Kunstwerk knapp über 2000 € kostet, ist der Stundenlohn vergleichsweise lächerlich. Alle, die ihr auf Messen bei der Arbeit zusehen können, finden, dass dieser Aufwand ja gar nicht zu bezahlen sei.
Aber ich bin guten Mutes, dass in den nächsten Jahren ein gewisser Wertewandel in der Gesellschaft stattfinden wird und gutes Handwerk wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Zu finden ist wirklich schöne Handwerkskunst übrigens bei www.unicatum24.de.