Sonntag, 10. Januar 2010

Die Welt mit Ideen retten

Das muss ja irgendwie frustrierend sein. Da hat einer die Instrumente in der Hand, um die Welt zu verbessern, aber keiner will sie haben. Zumindest kommt das in den Interviews rüber, die der Kreativitäts-Guru Edward de Bono in mehreren Publikationen verbreitet. Seine These: Seit den alten Griechen wissen wir, wie man logisch denkt und "die Wahrheit" herausfindet, aber wie man neue Ideen entwickelt, das haben wir immer noch nicht gelernt. Dabei hat er uns doch gezeigt, wie es geht. Nur wollen wir nicht auf ihn hören. Warum eigentlich nicht? Sogar die Vereinten Nationen wollten nicht mitspielen, als er ihnen seine Dienste angeboten hat. Das ist bitter.

Auf die Frage, wie man denn nun neue Ideen produziert, kommt in der Regel die gleiche Antwort: Man setzt die Methode der "Denkhüte" ein. Diese führt dazu, dass ein Problem systematisch bearbeitet und anschließend eine Vielzahl von Lösungen produziert werden. Die Methode funktioniert tatsächlich. Wer sie einmal ausprobiert hat, weiß, wie hilfreich es ist, wenn es erlaubt ist, seine Bedenken loszuwerden, wenn man seine Gefühle, seinen Ärger und seine Begeisterung äußern darf und wenn man schließlich zu logisch durchdachten Lösungen kommt. Was hält uns also ab, Besprechungen nach diesem Verfahren zu organisieren?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Idee. Obwohl wir wissen, dass es in jeder Besprechung keineswegs nur um die Sache geht, sondern immer auch um Anerkennung, Macht, Konkurrenz, Image, Selbstdarstellung usw., beharren wir auf der klassischen Form und quälen uns durch lange Tagesordnungen, an deren Ende entweder gar keine Lösungen oder unbefriedigende Kompromisse stehen.

Fakt ist, dass jeder, der vorschlagen würde: "Lasst uns versuchen, unsere Meetings in Zukunft stets nach den "Sechs Hüten" zu organisieren" auf Unverständnis und Kopfschütteln stoßen würde. Zumindest in den meisten Organsisationen. Kennt jemand Gegenbeispiele? Oder hat jemand eine Erklärung hierfür?

Laut de Bono stoßen seine Ideen in China auf reges Interesse und werden schon im Schulunterricht gelehrt. Das ist als Drohung gemeint, denn schon bald werden die Chinesen uns in der Produktion von Ideen im Längen überholen. Wer's glaubt...

Rezension zum Thema:
Kreativität ist lernbar, Wirtschaftswoche 49/2009
Wir denken, um die Wahrheit zu beweisen, Brand eins 11/2009
Brainstorming bringt nichts, Financial Times Deutschland 23.10.2009

Kommentare:

Roland Kopp-Wichmann hat gesagt…

Ich finde, Sie haben schon richtig vermutet: "Obwohl wir wissen, dass es in jeder Besprechung keineswegs nur um die Sache geht, sondern immer auch um Anerkennung, Macht, Konkurrenz, Image, Selbstdarstellung usw., beharren wir auf der klassischen Form..."

In dem Moment, wo man einen anderen Hut aufsetzt und die Sache aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird klar, dass diese Sichtweise wenig mit der Person, sondern der Rolle zu tun hat, die jemand gerade mit dem Hut spielerisch einnimmt.

Es wird auch klar, dass es eben nie die richtige Meinung gibt sondern viele verschiedene Meinungen, die alle irgendwie berechtigt sind.

Das verträgt sich aber nicht mit unserer doch oft narzisstisch geprägten Unternehmenskultur, in der eben der Beitrag des Einzelnen so wichtig ist.

Insofern überrascht mich das Interesse der Chinesen von de Bono nicht. In China gilt, glaube ich, die Gemeinschaft alles und der Einzelne wenig. Und das ist das perfekte Umfeld für die "Sechs Hüte". Dann darf es wirklich um die Sache gehen und wer nun welchen Standpunkt hat, tritt in den Hintergrund.

Johannes hat gesagt…

Hallo Herr Kopp-Wichmann,

klingt auch nicht gerade optimistisch, was die Kultur in unseren Unternehmen betrifft. Irgendwie bitter...

Was die Chinesen angeht, bin ich mir da nicht so sicher. Meine Erfahrungen mit Chinesen, die allerdings auch dem "Konzernleben" entstammen, unterscheiden sich nicht allzu sehr von dem, was ich in unseren Breitengraden erlebe.
Aber mal schauen - vielleicht schaffen es de Bono und seine sechs Hüte ja über den "Umweg China" zu uns.

Anonym hat gesagt…

Wenn "Guru" de Bono es selbst nicht einmal schafft, mit seinen eigenen Kreativitätstechniken funktionierende Strategien zur Überzeugung seiner Zielgruppen zu entwickeln, dann dürfte das wohl eine klare Aussage über den Nutzen seiner Angebote sein. Wieder mal ein superschöner Beweis dafür, dass sich fremde Systeme nicht so einfach manipulieren lassen!

Johannes hat gesagt…

Da ist was dran. Wobei ich mal "fremde Systeme" mit "Kulturtechniken" gleichsetze. Unsere Besprechungskultur ist so wie sie ist gewachsen. Egal was man davon hält, sie erfüllt einen Zweck. Das mag man bedauern, verfluchen, aber dieser Zweck ist offensichtlich so "mächtig", dass man diese "Kulturtechnik" nur sehr langsam - wenn überhaupt - ändern kann.