Samstag, 21. November 2009

Führungskraft ohne fachliche Kompetenz?

"Eine Führungskraft muss anfangs nicht zwingend Ahnung vom Sujet ihres Ladens haben." Sagt der Leiter des Politikressorts der Financial Times Deutschland in einem Artikel über die scheinbaren Fehlbesetzungen im neuen Bundeskabinett. Da wird der Wirtschaftsminister zum Verteidigungsminister, der Verteidigungsminister zum Arbeitsminister, aus einem Gesundheitsexperten ein Umweltminister und aus einem Innenminister ein Finanzminister. Sieht nicht danach aus, als habe man zunächst eine Anforderungsanalyse erstellt und dann die geeignetsten Kandidaten ins Amt gehoben. Herr Theyssen findet das nicht schlimm (auch wenn gewisse Zweifel nicht zu überlesen sind). Schließlich gibt es in der Wirtschaft jede Menge Unternehmenslenker als Quereinsteiger, die vorher in einer völlig anderen Branche gewirkt haben. Funktioniert ja auch - manchmal jedenfalls.

Warum funktioniert es? Weil man als Führungskraft eben andere Qualitäten als Fachverstand braucht. Eine rasche Auffassungsgabe (um sich das Sachwissen dann doch anzueignen), Verständnis für Strukturen (um zu erkennen, an welcher Schraube man drehen muss) und den Blick für das große Ganze (da stört Detailswissen eher).

Und man braucht die richtigen Experten auf der nächsten Ebene, auf deren Einschätzung man sich verlassen kann. Eine wichtige Ergänzung dabei: Das funktioniert nur, wenn man aufgeschlossen genug ist, auf diese Leute zu hören. Soweit Herr Theyssen...

Ich habe so meine Probleme mit dem fehlenden Sachverstand. Es stimmt natürlich - an der Spitze einer großen Organisation kann man sich überhaupt nicht in jedem Detail auskennen - schon gar nicht, wenn der Konzern auf verschiedenen Gebieten tätig ist. Aber wie schwierig es ist, Akzeptanz in der Belegschaft zu gewinnen, wenn man offensichtlich keine Ahnung vom Geschäft hat, habe ich oft genug erlebt. Das einzige, was hier hilft, ist die Fähigkeit zum Zuhören. Und die habe ich bei vielen Managern nicht unbedingt wahrgenommen - die meisten erzählen lieber - oder besser: Sie predigen! Weil sie glauben, man könne am besten überzeugen, wenn man spricht. Eine Haltung, die leider auch bei Politikern stark verbreitet ist...

Wer zuhört, hat einen weiteren Vorteil: Er findet schnell heraus, auf welche seiner Experten er sich tatsächlich verlassen kann. Er erkennt ihre Zweifel, spürt, wenn sie sich sicher sind und vor allem: Er ermutigt sie, auch kritische Meinungen zu äußern. Es ist geradezu dramatisch, wenn jemand an die Spitze kommt und glaubt, sich keine Blöße geben zu dürfen. Er wird ganz schnell nur noch die Meinungen zu hören bekommen, die der seinigen zu entsprechen scheinen. Mit katastrophalen Folgen - in Wirtschaft und Politik...

Rezension zum Thema:
Kabinett der Fehlbesetzungen, Financial Times Deutschland 26.10.2009

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