Samstag, 14. März 2009

Arbeitgeber bewerten

Über Internetseiten, auf denen man seine Nachbarn schlecht machen kann, habe ich schon geschrieben. Wie sieht es mit Bewertungen des eigenen Arbeitgebers aus? Ist es zu begrüßen, wenn Mitarbeiter anonym im Netz Bewertungen über das Unternehmen abgeben, das ihr Gehalt bezahlt? Oder früher bezahlt hat? Mmmh... Die Intention könnte ja die gleiche sein wie bei Produkten und Dienstleistungen: Ich schaue mir an, wie Mitarbeiter ihr Unternehmen wahrnehmen, bevor ich mich dort bewerbe. Ich war neugierig und habe bei Kununu nachgeschaut, wie mein alter Arbeitgeber dort wegkommt. Gar nicht so übel, war der erste Eindruck - obwohl 20 Bewertungen bei zig tausend Mitarbeitern gar nichts aussagen. Zumal es dort so gut wie keine Differenzierung über alle Kriterien hinweg gibt.

Es bleibt ein schales Gefühl. Hier werden Organisationen bzw. Menschen beurteilt, die mit mir in einem Boot sitzen, auf die ich angewiesen bin und umgekehrt, die von mir als Mitarbeiter abhängen. Unternehmen stellen eine Gemeinschaft aus Menschen dar, die gemeinsam ein Ziel erreichen wollen, und davon hängt ab, ob man überlebt oder in seiner Existenz gefährdet ist. Wer sein Unternehmen beurteilt, versteht sich nicht als Teil von ihm.

Aber vielleicht ist das ja gewollt. Wir lesen überall von dem Arbeitnehmer als Unternehmer in eigener Sache, in dem Fall ist das Unternehmen nur einer von vielen Geschäftspartnern. Und vor dem darf ich getrost andere "Selbst-Unternehmer" warnen. Und die Idee von der Gemeinschaft, die langfristig im Wettbewerb überleben möchte, hat längst ausgedient.

Rezension zum Thema
Der Lack ist ab, Personalmagazin 11/2008

Kommentare:

Björn Schwenzer hat gesagt…

Sie vertreten einige interessante Thesen, auch wenn ich Ihrer Argumentation nicht folgen kann. :) Dass sich jemand nicht als Teil des Unternehmens versteht, das er bewertet, ist sicher nicht der Fall. Gerade eine positive Bewertung zeigt doch das Bedürfnis der Mitarbeiter, sich als Teil einer erfolgreichen Unternehmens-Community darzustellen und anderen mitzuteilen.

Auch negative Bewertungen sind in Form konstruktiver Kritik wertvolle Information für Unternehmen, um rechtzeitig handeln zu können, wenn sich Probleme ankündigen. Einen solchen "Seismographen" gibt es innerhalb des Unternehmens in der Regel nicht, da Informationen die Hierarchien nie unverfälscht zu durchdringen vermögen. Mitarbeiter, die konstruktiv Kritik üben, tun dies in der Regel, weil ihnen das Unternehmen, als dessen Teil sie sich verstehen, durchaus am Herzen liegt. Erst der letzte Schritt, die innere Kündigung, bedeutet die Loslösung vom Arbeitgeber.

Um Herausforderungen rechtzeitig begegnen zu können, leisten Arbeitgeberbewertungsplattformen wie evaluba.com einen wertvollen Beitrag. Hier gibt es nebenbei auch eine detailliertere Bewertung und eine transparentere Gewichtung als bei kununu.

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass ich der Meinung bin, dass gerade in schwierigen Zeiten diejenigen Unternehmen bestehen und sogar profitieren werden, die es verstehen, ihre Mitarbeiter als Mannschaft und Team zu verstehen und zu motivieren. Ein erfolgreiches Unternehmen setzt eine funktionierende Gemeinschaft voraus, in der das Unternehmen (Führungskräfte!) und Mitarbeiter gleichermaßen ihren Beitrag leisten.

Kathrin hat gesagt…

Im Zuge einer wissentschaftlichen Arbeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Arbeitgeberbewertung und somit authentische Arbeitgeberdarstellung im Web beschäftigt. Verglichen wurden diverse Plattformen, wobei kununu.com als aktuell größte und umfangreichste Arbeitgeberbewertungsplattform im Fokus meiner Arbeit stand (Evaluba ist spielt meiner Meinung nach noch keine relevante Rolle im Markt und bei der Reichweitenuntersuchung beider Plattformen lag Evaluba noch weit hinter kununu zurück).

Eine der wesentlichen Erkenntnisse, die ich aus meinen Recherchen schöpfen konnte, war das besondere Bedürfnis von Jobsuchenden nach authentischen Arbeitgeberinformationen. Ca. 30% aller Arbeitnehmer haben in den vergangenen drei Jahren ihren Arbeitsplatz gewechselt und diese 30% konnten sich hierbei größtenteils nur auf die "aufpolierte" Eigenwerbung des Unternehmens verlassen (vor allem die entsprechenden Karriereseiten). Speziell die junge Generation ab dem Geburtsjahr 1980 sichert so gut wie alle Entscheidungen über unabhängige Bewertungsplattformen ab. Jede Hotelbuchung wird hier vorher auf die Qualität überprüft. Unwissenheit bei Kaufentscheidungen ist in dieser Generation definitiv eine Seltenheit. Somit erscheint es fast selbstverständlich, dass eine so wichtige Entscheidung wie "bei welchem Arbeitgeber möchte ich in Zukunft Einsatz bringen und mich weiterentwickelt" ebenfalls abgesichert werden will. Dabei steht nicht an erster Stelle der Wunsch nach einer professionellen Informationsquelle, sondern der Blick hinter die Kulissen - durchaus auch subjektiv motivert. Arbeitnehmer lernen nach ihrer ersten Berufserfahrung schließlich schnell, dass auch ein Unternehmen "menschlich" ist und seine Schwächen aufweist. Das ist grundsätzlich nichts unsympathisches für Bewerber (dies hat eine Umfrage mit ca. 250 Personen ergeben), sondern entscheidend ist der Umgang mit diesen Schwächen. Werden diese als nicht vorhanden deklariert oder bewusst vertuscht, ist das das wesentliche K.O.-Kriterium für einen Arbeitgeber. Bewerber wollen ehrlich behandelt werden. Sie werden nach ihren Schwächen im Interview befragt, warum soll da der Arbeitgeber nicht ebensolche auch haben. Geht das Unternehmen proaktiv damit um (auf kununu.com z.B. gibt es die Möglichkeit der Unternehmensstellungnahme zu einem Kritikpunkt), kann dies sogar eine deutliche Steigerung der Arbeitgeberattraktivität bedeuten.

Meine ganze Arbeit hier vorzustellen spengt sicher den Rahmen. Aber klar wurde, dass diese Plattformen schon lange ihren festen Platz in der Bewerbervorbereitung haben. Sie zu verteufeln oder als nicht relevant zu bezeichnen ist in unserer heutigen Zeit ein Fehler, den Unternehmen in der Zukunft noch bitter bezahlen werden. Denn wenn die Informationen erst im Netz sind und der Arbeitgeber stark verzögert darauf reagiert, kann schon ein Imageschaden aufgetreten sein, der Jahre der aktiven Online-Aktivität benötigt, um ihn wieder auszubüglen.

Johannes hat gesagt…

Hallo Kathrin,

keine Frage, als potenzieller Mitarbeiter würde ich auch versuchen, so viele Informationen wie möglich über einen potenziellen Arbeitgeber zu erhalten. Die Frage ist nur, was die Informationen anonymer Beurteiler tatsächlich Wert sind.
Wenn ich aus einem Konzern mit zig Tausend Mitarbeitern 20 anonyme Stimmen habe - was sagt mir das?

Dass Unternehmen sehr genau hinschauen sollten, was über sie im Netz verbreitet wird und tunlichst reagieren sollten, ist auch klar.

Wobei das aber gar nicht mein Punkt ist. Ich wollte darauf hinweisen, dass es etwas anderes ist, ob ich ein Produkt erwerbe und dann seine Qualitäten beschreibe oder ob ich mich einer Organisation anschließe, deren Ziele zu meinen eigenen mache und dann anderen davon abrate, dieser Organisation beizutreten.
Aber vielleicht ist das auch zu idealistisch gedacht...
Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen

Werner hat gesagt…

@ Kathrin: arbeiten wir etwa für kununu? Das warst doch auch du...

Ich hätte ja schon Interesse an dieser "Studie", vielleicht kannst du mir die ja mal schicken?

Grüße,
Werner