Mittwoch, 27. Februar 2013

Potenzialanalyse für Achtklässler?

Wenn man sich ärgert, sollte man erst einmal eine Nacht drüber schlafen. Wenn man sich besonders stark ärgert, vielleicht auch zwei oder drei Nächte. Und was, wenn der Ärger anhält? Einen Blog-Beitrag schreiben.

Vielleicht erst einmal zum Hintergrund. Ich habe viele Jahre Assessment Center entwickelt und noch mehr moderiert. Ich bilde mir ein, eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was dieses Instrument kann und was nicht. Weshalb ich heute keine ACs mehr betreue.
Und ich weiß, dass es bestimmte Merkmale gibt, die unabdingbar für dieses Instrument gelten (auch wenn die Praxis nicht selten weit davon abweicht.) Als da wären:

Das Mehraugenprinzip: Ein Kandidat wird bei der Durchführung der Übungen von mehreren Beobachtern, die speziell geschult sind, beobachtet.
Das Anforderungsprofil: Damit die "richtigen" Kompetenzen beurteilt werden können, wird im Vorfeld ein Anforderungsprofil erstellt, zu dem dann die passenden Übungen erstellt werden. Irgendwie sinnvoll, oder? Wenn ich die konkreten Anforderungen einer späteren Aufgabe oder Stelle nicht kenne - was soll ich dann messen?

Nun zum "Stein des Anstoßes". Auch hier erst einmal zum Hintergrund. Die Schule soll auf das Leben vorbereiten, allerdings, so haben die Experten festgestellt, hilft sie jungen Menschen nur wenig, wenn es um die bedeutende Frage geht: Was mache ich nach der Schule? Da die Schulabgänger immer jünger werden, stellt sich für viele diese Frage nun noch früher.  Also haben sich verantwortungsbewusste Menschen überlegt, dass hier Handlungsbedarf besteht. Herausgekommen ist unter anderem eine Potentialanalyse für alle Schüler/innen der Jahrgangsstufe 8 - wir reden hier von 14jährigen! 

Was darunter zu verstehen ist? Ein Verfahren, bei dem Arbeitsproben im Rahmen einer "eintägigen Durchführung im Umfang von mind. sechs Stunden an einem außerschulischen Lernort mit Bezug zu mindestens zehn verschiedenen Berufsfeldern" den Schwerpunkt bilden. "Die Schüler/innen erhalten Aufgaben, die sie einzeln oder in Kleingruppen bearbeiten, wobei Elemente aus Assessment-Verfahren exemplarisch zum Einsatz kommen können. Sie werden dabei von eigens geschultem Personal beobachtet und eingeschätzt (i.d. Regel ein/e Beobachter/in für je vier Jugendliche)."

Kein Witz. Wo andere versuchen, spezifische Anforderungen eines Berufes mit möglichst realitätsnahen Arbeitsproben abzubilden (z.B. für eine Ausbildung zum Schreiner mit dem  Zusammensetzen eines Bausatzes), sollen hier in sechs (!) Stunden zehn Berufsfelder abgedeckt werden. Wie das wohl aussehen soll: Ein Rezept nachkochen für den Koch, eine elektrische Schaltung montieren für den Elektriker, einen Dreijährigen beruhigen für den Erzieher, einen unverständlichen Text verfassen für den Juristen, einen Frosch zerlegen für den Chirurgen....??

Die zu erfassenden Kompetenzen werden gleich mitgeliefert:

Grobmotorik, feinmotorische Handgeschicklichkeit, Textverständnis, Fähigkeit, Handlungsanweisungen umzusetzen und fachbezogenes Wissen praktisch anzuwenden, Sprachbeherrschung, rechnerisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen, Fähigkeit, strukturiert vorzugehen, Orientierung im Raum, Fähigkeit zur Sachanalyse, kreative Lösungsansätze,
Konzentrationsfähigkeit, Sorgfalt, Bearbeitungsgeschwindigkeit, Ausdauer, Auffassungsvermögen, kommunikativer Anteil an Lösungsschritten bei Gruppenaufgaben, Fähigkeit zu vermitteln und zu kooperieren, Motivation, Leistungsbereitschaft, Geduld. 

Halbes Augen-Prinzip

Statt eines Mehr-Augen-Prinzips gilt hier das Prinzip "Halbes Auge" - vier Schüler pro Beobachter. Nachvollziehbar, wenn man sich überlegt, dass das AC das aufwendigste und kostspieligste Verfahren in der Eignungsdiagnostik darstellt. Hier sollen die Kosten 100 Euro (!) pro Schüler betragen. Inklusive Auswertungsgespräch, bei Bedarf auch noch mit den Eltern. Auf die Qualifikation der Fachleute, die hier zu Werke gehen, bin ich gespannt.

Woher ich das habe? Es geht um "Das neue Übergangsystem Schule - Beruf in NRW", die Empfehlungen für die Potenzialanalyse können auch heruntergeladen werden.

Ich schenke mir weitere Anmerkungen und bin gespannt auf kompetente Kommentare.

Aber zurück zum Ärger: Als ich 17 war, habe ich aus Interesse an einem Berufseignungs- und Neigungstest teilgenommen. Der Psychologe empfahl mir, es mit Förster zu versuchen. Worauf ich mich entschloss, Psychologie zu studieren. Hätte ich mal auf ihn gehört, wäre mir zumindest dieser Ärger erspart geblieben.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Thönneßen,

in einem System, wo alles ware werden kann (Wasser, Gesundheit, Kinder etc.), ist eigentlich nicht verwunderlich, dass auch zum Thema Karriere- & Berufsorientierung "Angebote" konzipiert werden, um spezifische Zielgruppen (ca. 15 Jährige) zu adressieren. Das Verfahren gibt es für die Zielgruppe bereits länger; sie he dazu: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/Handreichung-PotiA-06-2010.pdf

Zwischenzeitlich habe ich das Gefühl, dass viele Menschen Dinge tun, nur weil diese (an sie herangetragen) möglich sind. So finden sich zunehmend Opportunisten unter uns. Tiefer nach Sinn und Ziel zu fragen, ist nicht beabsichtigt.

Aber: Hier Kultur-Pessimismus zu verbreiten ist meine Sache nicht.
Einzig eine Frage ist hier wichtig, nämlich Cui bono?

So sind Pädagogen und Eltern gleichermassen beruhigt, wenn Kinder bestimmte "Kompetenzen" zeigen. Das war nicht abweicht, also Norm ist. Dies erzeugt Druck zum Mittelmass. Und da stecken wir ohnehin fest.

Menschen, die nicht fragen. Nicht denken. Nicht selbst entwscheiden - das erhält das System...

Christiane Grabow hat gesagt…

Lieber Herr Thönneßen,

eben diese in Ihrem Bericht geschilderte Hilflosigkeit hat mich vor Jahren bewogen, meine Lehrtätigkeit und das damit verbundene Beamtentum auf Lebenszeit an den sprichwörtlichen Nagel zu hängen und mich selbstständig zu machen. Dennoch möchte ich meinen ehemaligen Lehrerkollegen einmal helfend unter die Arme greifen.
Auf Pädagogen lastet der Druck der Öffentlichkeit sowie Anforderungen der sich atemlos schnell verändernden Welt. Das Ganze im Umfeld eines uneinheitlichen Schulsystems, veralteter Curricula und knapper Geldmittel.
Ich stimme Ihnen zu: Die von Ihnen beschriebenen Potenzialanalysen von Schülern sind hilfloser Tand. Das bestätigen sowohl die meisten Schüler wie auch die späteren Arbeitgeber.
Was wir brauchen sind andere (nicht mehr!) Unterrichtsfächer mit grundsätzlich neuen Curricula, dualer, mit dem Arbeitsmarkt natürlich verzahnter Unterricht, die Abschaffung unseres föderalistischen Schulsystems und sehr viel Geld für Bildung.
Aber wer soll diese Veränderungen voran treiben? Diejenigen, die ohnehin atemlos der Entwicklung der Arbeits- und sonstigen Welt hinterher laufen?
Ehrlich - ich weiß auch keinen Rat. Ich fühle mich hilflos.

Johannes hat gesagt…

Hallo Frau Grabow,

ich kann die Hilflosigkeit gut nachvollziehen. Wer erfahren hat, wie schwierig es ist, komplexe Systeme zu ändern, der dürfte vor der Herausforderung "Bildungssystem" verzweifeln.
Was funktionieren würde, wäre ein Experiment, bei dem man Alternativen ausprobieren testen könnte. Dazu bräuchte man mutige Menschen, die sich darauf einlassen würden. Und einen mutigen Bildungspolitiker, der das Experiment "erlauben" müsste.
An einem solchen Versuch hätte ich viel Freude.
Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen

Charlotte B. Venema hat gesagt…

Das ganze hat mal in Hessen angefangen und heisst hier KomPo7 - Kompetenzfeststellung. http://www.kompo7.de/aktuell/ Ursprünglich war das Ziel im hessischen Ausbildungpakt dafür zu sorgen, dass Jugendliche am Ende der Schulzeit in der Lage sind, sich für einen Beruf, eine Ausbildung zu entscheiden und nicht ziellos in schulischen Maßnahmen rumdümpeln. Also: besserer Unterricht. Jetzt haben wir als Ergebnis ein formalisiertes Kompetenzfeststellungsverfahren. Weil: die Wissenschaft sagt es ist toll, man kann es durchführen und abhaken und das Problem ist angeblich gelöst. So reagiert ein Kultussystem, wenn es unter Druck gerät. Würde mal gerne mit ein paar Schülern reden, die das mitgemacht haben.

Vera Reithmeier hat gesagt…

... ich kann mich zu dem Geschilderten nur wundern und kann trotzdem von einem, aus meiner Sicht positiven Umgang mit dem Instrument AC für Jugendliche berichten. Seit 2005 entwickle und begleite ich ein Projekt in Fürth bei Nürnberg, in dessen Rahmen Jugendliche ohne Abschluss die Chance erhalten an einem Training zur Stärkung der Persönlichkeit teilzunehmen und im Anschluss an einem Förder-AC (jede/r TN wird in jeder Übung von mehreren Beobachtern beobachtet) teilzunehmen und Feedback zu erhalten.

... Fast jede/r TN gibt im Anschluss die Rückmeldung, dass sich noch nie jemand so viel Zeit genommen hat ihnen Feedback zu geben ...
...Und die jungen Menschen können überwiegend auch sehr gut mit kritischen Feedbacks umgehen, weil sie merken, dass alle sich große Mühe geben und echtes Interesse haben.

Das macht mich jedes Mal betroffen und traurig.

Melanie Cordini hat gesagt…

Hallo Herr Thönnessen,
Ich kann Ihre Kritik gut nachvollziehen. Die immer hinterfragbare Vorgabe von Entscheidungsmaßstäben und der Beobachter als subjektives „Meßinstrument“ sind Pferdefüße, die ein AC aus meiner Sicht immer haben wird. Hier wird versucht, Schülern eine Orientierung (zugegeben mit fragwürdiger Methodik) zu geben, die Schule nicht ermöglicht. Die Idee als solche ist zunächst nicht verkehrt.
Viel spannender fände ich eine Potenzialentwicklung, die es den Schülern ermöglicht, sich selbst erst mal kennen und lenken zu lernen. So lange ich selbst nicht weiß, wer ich bin, was mir Spaß macht, was ich gut kann und wie und warum ich in bestimmten Situationen auf welche Weise reagiere, kann ich nicht wissen, wo ich vielleicht hinpasse. Da kann man nach meiner Erfahrung auch mit AC Elementen arbeiten. Aber Feedback und Beurteilungskriterien sollen die Teilnehmer bitteschön selbst festlegen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jedes Kind(und jeder Erwachsene) der beste Experte für seine eigene Zukunft ist, diese Rolle werde ich mir weder als Coach noch als Dozent anmaßen. Es geht aus meiner Sicht nicht darum, die Kids nach festgelegten Maßstäben zu testen, sondern darum, sie dahin zu bringen, dass sie ihre eigenen Maßstäbe setzen können. Das funktioniert zumindest bei meinen Studenten und Klienten super. In einer 10er Gruppe kann man da an einem Tag schon eine Menge erreichen.
Ich denke aber, ähnlich wie Frau Grabow, der Knackpunkt liegt noch an anderer Stelle. Inhalt und Form des Schulunterrichts sind noch längst nicht auf die Anforderungen ausgerichtet, die sich heute im Berufsleben stellen. Das gilt auch für die Universitäten. Wir leben halt in einer sich rasant verändernden Welt, wo die Anpassung der Strukturen naturgemäß immer dem aktuellen Bedarf hinterherhinken wird. Damit müssen wir aus meiner Sicht schlichtweg leben.

Melanie Cordini