Mittwoch, 1. Dezember 2010

Wikileaks und der Zeitungstest

Die Aufregung ist groß. Wikileaks hat höchst vertrauliche Informationen ins Internet gestellt. Z.B. dass Kanzlerin Merkel wenig risikofreudig ist, Herr Westerwelle inkompetent und Herr Berlusconi unfähig und dazu noch eitel. Wer hätte das gedacht. Was ist daran so erschütternd? Dass es die Meinung amerikanischer Diplomaten ist? Peinlich ist daran nur, dass diese ihre Zeit damit zubringen, derartige Belanglosigkeiten als Erkenntnisse an ihre Regierung zu übermitteln.

Bitterer für die Politiker ist da schon, wenn sich herausstellt, dass die amerikanische Außenministerin ihre Diplomaten anweist, ausländischen Kollegen auszuspionieren. Wie FTD-Kommentator Axel Kintzinger schreibt: Das ist der Skandal, nicht die Enthüllung.

Nun sollen demnächst vertrauliche Informationen aus amerikanischen Großbanken enthüllt werden. Nehmen wir mal an, dass hier keine Kontonummern von Kunden veröffentlicht werden, dann frage ich mich, was daran so beängstigend sein soll? Ich habe ein interessantes Argument eines Journalisten gelesen (Joachim Zepelin in der FTD vom 1.12.2010), der die Rolle der kritischen Presse betont. Diese sei auch auf vertrauliche Informationen angewiesen, wenn sie unsaubere Machenschaften aufdecken will. Aber der Journalist prüft die Information und entscheidet dann "nach seinen Kriterien, ob und wie er sie veröffentlichen will und kann." Wikileaks hingegen gibt wahllos unübersehbare Mengen an sensiblen Daten preis.

Das ist doch interessant, oder? Da drängt sich ein ganz anderer Verdacht auf: Die Enthüllungsportale machen all diese sensationellen Details einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, den Journalisten geht die Exklusivität flöten. Und das Argument, dass verantwortungsbewusste Journalisten die Informationen sichten und sorgfältig abwägen, was sie veröffentlichen, hat einen ganz faden Beigeschmack, wenn man an den Müll denkt, der über die Medien verbreitet wird. Im Übrigen sind es ja die Medien, die aus der Menge an Dokumenten genau jene herauspicken, über die sich jetzt die Welt empört. Wer von uns wühlt sich denn schon durch Wikileaks?

Bleibt das Argument des Vertrauensverlustes, von dem überall geschwafelt wird. Klar, den Diplomaten muss es peinlich sein, ihren Kollegen aus anderen Nationen beim nächsten Mal unter die Augen zu treten. Was sage ich einem Menschen, den ich woanders als aggressiv und inkompetent bezeichnet habe:  "War nicht so gemeint?" Wer Mumm hat, sagt: "Sorry, dass du es auf diesem Weg erfährst, was ich von dir halte. Ich vermute, du hast es ohnehin geahnt. Aber wo wir schon mal gezwungenermaßen ehrlich sind: Dann verrate mir doch gleich mal, was du über mich denkst?" Offene Feedback-Kultur - davon träumen wir "Soft Skills Experten" doch schon lange.

Wer nun aber Angst hat, sich überhaupt noch zu äußern, dem sei ein ganz einfacher Test empfohlen: Der Zeitungstest. Wenn man sich schon über jemanden äußern oder ein Urteil abgeben muss, sollte man sich überlegen, ob man damit leben könnte, wenn genau darüber am nächsten Tag ein Bericht in der Zeitung stehen würde. Wenn nicht, sollte man lieber den Mund halten. Wikileaks ist der Zeitungstest.

Kommentare:

Christoph Schlachte hat gesagt…

Klasse Kommentar zu der Veröffentlichung.

Besonders dieses Kapitel sagt mir zu, da dies aus meiner Sicht eine große Chance ist, mehr Klarheit und vor allem Verantwortung in der Kommunikation auch in der Politik zu erreichen (Nicht "Berlin" sieht es so, sondern "Ich ....") ; vielleicht kommen wir dann auch zu Dialog.

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"Klar, den Diplomaten muss es peinlich sein, ihren Kollegen aus anderen Nationen beim nächsten Mal unter die Augen zu treten. Was sage ich einem Menschen, den ich woanders als aggressiv und inkompetent bezeichnet habe: "War nicht so gemeint?" Wer Mumm hat, sagt: "Sorry, dass du es auf diesem Weg erfährst, was ich von dir halte. Ich vermute, du hast es ohnehin geahnt. Aber wo wir schon mal gezwungenermaßen ehrlich sind: Dann verrate mir doch gleich mal, was du über mich denkst?" Offene Feedback-Kultur - davon träumen wir "Soft Skills Experten" doch schon lange."

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Hans-Jürgen hat gesagt…

Na, den Vergleich mit dem Zeitungstest halte ich doch für übertrieben. Übrigens ebenso wie den gegenwärtigen Hype um Wikileaks. Wenn ich mir die Seite anschaue (und bei locker 500 gefühlten Adressen gibt es immer eine Gelegenheit), stelle ich fest, dass die Darbietung der ach so geheimen Informationen grottenschlecht ist. Man möge nur versuchen, die Informationen zu unseren geliebten Politikern im Wortlaut unterhalb einer Stunde aufzufinden. Dass deutsche Medien darauf gestoßen sind, zeugt für mich schon allein für journalistische Sorgfalt! Und: welche dramatisch neuen Erkenntnisse tun sich da auf!

Was ich vom Grundsatz bedenklicher finde: Diplomatie ist seit Jahrhunderten eine Übung, die Konflikte eher verhindert, weil sie durch ihre Sprache dem Gegner eine Möglichkeit bietet, sein Gesicht gegenüber Dritten zu wahren - und das über Kulturgrenzen hinweg. Natürlich redet man dem Potentaten eines Landes nach dem Mund, wenn man vor ihm steht. Aber die Dienststellen im eigenen Land sollten wissen, wen sie da vor sich haben - und das posaune ich natürlich nicht in die Welt hinaus. Klassische Feedback-Regeln gelten meiner Ansicht nur für Akteure, die sich gleichberechtigt und im selben Kulturkreis/Kontext bewegen - und nicht dann, wenn Dritte, wie Nachbarstaaten, involviert sind.

Wikileaks ignoriert das und zwingt durch sein Handeln jedem anderen die eigene Sicht auf: Ich bin Gott, ich habe Recht, jeder, der gegen mich ist, offenbart sich als Feind der Wahrheit! Das ist ja im Augenblick zu beobachten. Ich bekenne: Ich halte Wikileaks für eine Form de Digitalterrorismus.

Übrigens:
Die Veröffentlichungen haben meine Meinung vom diplomatischen Corps der USA um einiges steigen lassen. Die haben ja meistens Recht! So dumm können die ja gar nicht sein - abgesehen davon, dass einige Beiträge sprachliche Meisterwerke sind.

Johannes hat gesagt…

Das wäre mal eine interessante Diskussion: Wer anderen nach dem Mund redet, gegenüber Dritten jedoch seine "wahre Meinung" äußert, der verhindert Konflikte. Man kann das sicherlich auch auf andere Szenarien übertragen: Mitarbeiter reden ihren Vorgesetzten nach dem Mund, verhalten sich diplomatisch, so wahrt jeder sein Gesicht. Gegenüber Kollegen aber redet er Klartext. Man stelle sich vor, ein "Wikileaks" veröffentlicht sämtliche Mails, in denen Menschen sich über andere negativ äußern.

Würde das zu mehr Konflikten führen oder würde es die Welt ein Stück besser machen?

Ich glaube, dass die meisten Menschen ganz gut einschätzen können, was andere über sie denken. Aber sie möchten es nicht hören. Ist ja auch irgendwie netter, wenn man nur Nettigkeiten zu hören bekommt.
Ich bin gespannt, wie die Geschichte mit Wikileaks weitergeht.

Johannes Thönneßen

Dieter Böhnisch hat gesagt…

Jene die normal immer sagen 'wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten' reden jetzt groß von Geheimnisverrat. Eine ironische Wende wie ich meine.