Montag, 13. Dezember 2010

Nur noch mit Sonnenbrille

Sollten Ihnen einmal am Flughafen Werbung für Anti-Falten-Créme oder Anti-Haarausfall-Schampoo auffallen, könnte diese etwas mit Ihrem Alter zu tun haben. Und sollte sich die Werbung mit einer Spielekonsolen-Reklame abwechseln, liegt das vielleicht daran, dass Sie von Ihrem 15jährigen Sohn begleitet werden. Wie das geht? Gesichtserkennungssoftware macht es möglich. Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass sie offensichtlich bald in größerem Umfang Einzug in unser Leben hält. Sie ist angeblich sogar schon so weit, dass sie aus Seitenansichten oder Aufnahmen, die von schräg oben oder unten gemacht wurden, die "Frontalansicht" berechnen und damit einem Namen zuordnen kann. Bisher freuten sich vor allem Geheimdienste und Sicherheitsorganisationen, nun bekommen die Marketing-Fachleute strahlende Augen.

Naja, auf mich zugeschnittene Werbung - was soll's, könnte man sagen. Kenne ich doch aus dem Internet. Wenn ich mich bei Amazon einwähle, bekomme ich doch gleich Angebote, die zu meinen letzten Einkäufen passen.

Genau dieses Prinzip könnte nun auch im "richtigen Leben" genutzt werden. Kaum betreten Sie den Supermarkt Ihrer Wahl, empfängt Ihr Handy Sonderangebote derjenigen Produkte, die Sie bevorzugt erwerben. Oder Sie gehen an Reklametafeln, die, kaum dass Sie auftauchen, die Schrift wechseln und Sie mit Namen begrüßen.

Woher der zu Ihrem Gesicht passende Name kommt? Sollten Sie fleißig Fotos von sich selbst z.B. in Facebook hinterlegt haben, ist das sicher kein Problem.

Spinnen wir das mal ein wenig weiter: Sie betreten ein Amt und ohne sich zu erkennen zu geben, werden Sie mit Namen begrüßt und zu dem Schalter geleitet, wo Sie Ihren neuen Ausweis abholen können. In der Bank kommt Ihnen ein Berater entgegen und führt Sie in sein Büro, um Ihnen unter vier Augen mitzuteilen, dass Ihr Konto überzogen ist. Auch nicht verkehrt: Ihr Auto erkennt, dass Sie es sind, wenn Sie einsteigen und stellt Sitzhöhe und Spiegel automatisch ein. Mehr noch: Es registriert, wenn Ihnen die Augen zufallen und warnt Sie vor dem Sekundenschlaf. Praktisch eigentlich.

Dass Datenschützer die Haare zu Berge stehen, lässt sich leicht ausmalen. Nicht das Erkennen der Menschen per Computer ist das Problem, sondern die Möglichkeit, mit Hilfe dieser Technik unsere Wege bis auf den letzten Schritt zu verfolgen. So wie wir Spuren im Internet hinterlassen, kann auch im richtigen Leben jeder Weg aufgezeichnet werden. Da hilft laut Wirtschaftswoche nur eines: Eine große Sonnenbrille. Werden wir uns daran gewöhnen müssen, unseren Mitmenschen in Zukunft zu jeder Tageszeit vermummt zu begegnen? Ich bin ziemlich gespannt, was da noch auf uns zukommt. Rezensionen zum Thema: Im Fokus der digitalen Augen, Wirtschaftswoche 45/2010

Kommentare:

Roland Kopp-Wichmann hat gesagt…

Ich fände das gut. Mit dem Datenschutz habe ich nicht so große Probleme, weil ich darauf achte, was ich ins Netz stelle.

Aber das wäre doch die Lösung für den immer noch katastrophalen Service in manchen Ämtern, diversen Bankschaltern oder vielen Einzelhandelsgeschäften.

Aber in einem Geschäft mit Namen angesprochen zu werden, der Scanner hat schon meine Hosengröße erfasst und der freundliche Verkäufer führt mich zu dem entsprechenden Angebot - besser als jetzt zuweilen wäre es allemal.

Oliver Rumpf hat gesagt…

Ich sehe es ähnlich wie Roland Kopp-Wichmann. Eine Technik/Sache ist weder gut noch schlcht. Entscheident ist was derjenige damit macht, der sie anwendet. Die Technik birgt viel Potential.

Ich würde mich freuen, wenn dadurch Wartezeiten verkürzt werden und ich meine Vorlieben beim Einkauf nicht jedesmal neu erklären muss, nur weil ich einen anderen Verkäufer habe.