Donnerstag, 19. Juli 2012

Spaß wichtiger als Macht

Es gibt Menschen, die sind gar nicht so scharf auf eine große Karriere. Konkrete Ziele haben sie nicht und können solche folglich auch nicht klar formulieren. Sie erfüllen ihre Aufgaben und warten darauf, dass man sie entdeckt. Und sie arbeiten, weil es ihnen Spaß macht. Oder besser: Ihnen ist es wichtiger, Spaß bei der Arbeit zu haben als Macht und Einfluss. Ihnen fehlt einfach der Wille zur Übernahme von Führungsverantwortung. Stattdessen kümmern sie sich lieber um ihre Familie. Sie sorgen dafür, dass der Haushalt vernünftig organisiert wird und delegieren Hausarbeit ungern an Fremde. Schon gar nicht die Betreuung der eigenen Kinder. Und wenn sie mit Kollegen zusammensitzen, dann ist es ihnen unangenehm oder eher unwichtig, über Berufliches zu sprechen, stattdessen geht es auch hier mehr um das Familienleben und die Kinder. Würde man ihnen eine Stelle anbieten, die es ihnen ermöglicht, auch mal früher nach Hause zu gehen, um dort nach dem Rechten zu schauen oder gar verstärkt von zu Hause aus zu arbeiten, würden sie sofort zusagen.

Mal angenommen, Sie sind auf der Suche nach einer potenziellen Führungskraft, die Ihr Unternehmen voranbringen soll. Würden Sie einen der oben beschriebenen Menschen einstellen?

Vermutlich haben Sie es schon erraten: Die Rede ist von Frauen. Oder besser: von deutschen Frauen. Allseits wird gefordert, mehr von ihnen in Spitzenpositionen zu befördern, aber offenbar liegt ihnen selbst gar nicht so viel daran. Ein Klischee?

Die Aussagen stammen nicht von Männern, sondern sind einer Interviewrunde mit hochrangigen Managerinnen entnommen, die im Ausland aufgewachsen und in deutschen Unternehmen tätig sind und von daher einen etwas anderen Blick auf das Thema "Frau und Karriere" haben. Ernüchernd? Oder einfach nur realistisch?

Allerdings sehen auch diese Managerinnen die Ursache für die Unterbesetzung von Führungspositionen durch Frauen nicht allein bei diesen selbst. Den Arbeitgebern attestieren sie, sich nicht wirklich um gute Frauen zu bemühen. Sie haben noch nicht verstanden, wie wichtig es ist, Vielfalt im Unternehmen zu fördern.  Sie pflegen immer noch die Präsenzkultur, nur wer regelmäßig und lange am Arbeitsplatz zu finden ist, der kann etwas werden. Innovative Modelle wie in anderen Ländern findet man selten, z.B. dass sich Führungskräfte einen Job teilen.

All das hat natürlich auch etwas mit der gesellschaftlichen Einstellung zu tun. Zitat: "Wenn eine Frau bei einem Vorstellungsgespräch sagt, sie habe drei Kinder, schlägt der Personaler die Hände überm Kopf zusammen. Erzählt ein Mann von seinen Kindern, ist er der Held, der Verantwortung übernehmen kann." Es ist auch nicht der Mann, der auf das kranke Kind aufpasst, wenn die Betreuung ausfällt. Und immer noch gelten Frauen als Rabenmutter, die bald nach der Geburt der Kinder wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Ich finde die Darstellung der komplexen Zusammenhänge in der Diskussion der Managerinnen ziemlich gelungen. Ebenso die realistische Einschätzung, dass eine Frauenquote zwar keine ideale Lösung darstellt, aber ein Signal. Dass durch den Druck der Politik Dinge schneller in Bewegung kommen und deutlich macht, dass eine Veränderung tatsächlich gewünscht wird.

So viel ist sicher: Jede Veränderung bei diesem Thema wird viel Zeit brauchen. Eben weil es komplex ist und Veränderungen auf den Ebenen der Gesellschaft, der Unternehmen und des Individuums erfordert. Womit unter "Individuum" nicht nur die einzelne Frau, sondern auch der dazugehörende Partner zu verstehen ist...

Rezension zum Thema:
Sie wollen keine Macht, Wirtschaftswoche 24/2012

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Ihnen ist es wichtiger, Spaß bei der Arbeit zu haben als Macht und Einfluss. Ihnen fehlt einfach der Wille zur Übernahme von Führungsverantwortung."
Diese Reihung von Aussagen legt einen Kausalzusammenhang nahe. Ist aber keiner. Bzw. sollte keiner sein.
Es ist der Unterschied zwischen "Wille zur Führungverantwortung" um der Führung, der
Macht, der Karriere etc. willen; oder um Übernahme von Verantwortung um der Sache wegen, weil man's gut kann und eben Spaß dran hat, wenn's gut klappt.
Ich finde seltsam, dass Führung hierzulande oft in einen Gegensatz zu "Spaß an der Sache" gestellt wird, wobei die Sache nicht das "Chef sein" sein sollte, sondern die gemeinsame Aufgabe. Primus inter pares.
Dass Frauen in Führungsverantwortung heute in diesen Klischees denken, ist dabei fast zwangsläufig - nur so sind sie Frauen in Führungsverantwortung geworden. Wo sind die Unternehmen, die sich trauen, Führungsrollen projektbezogen zu vergeben? Mal ist einer im Team besser der Lenker, mal eher zuarbeitender Spezialist. Wobei im Idealfall ja auch der Chef nur (seinem Team) zuarbeitender Spezialist sein sollte... wenn mans so sieht sind aber die hierarchischen Entlohnungs-und Anerkennungsmodelle auch schnell fragwürdig. Und natürlich kommen die Leute mit "Willen zur Führungsverantwortung" dabei kaum noch auf ihre Kosten ... es sei denn, ihr Können übersteigt ihr Wollen.

Johannes hat gesagt…

Hallo,

danke für den Kommentar, er spricht mir aus der Seele. Schade, dass er anonym ist, würde mich gerne weiter darüber austauschen.

Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen

Ekaterina Arlt hat gesagt…

Ein interessanter Artikel, danke dafür!

Auch ich kann der/demanonymen Kommentator/-in nur zustimmen. Rollen projektorientiert zu verteilen oder dass die Entlohnungssysteme fragwürdig sind... Hinzu müssen Spaß und Führung wirklich einher gehen, denn wie soll man sonst die eigenen Mitarbeiter für die Aufgabe begeistern, wenn man es selbst nicht mehr ist!?

Schluss mit den Spielchen, mit der Ellenboge-Gehabe und mit der Denke "Wissen ist Macht". Frauen, besonders Mütter sind beim Teilen und Kollaborieren eben besser als Männer, denn sie üben es tag täglich mit ihren Kindern (tut mir leid liebe Männer, eure Stärken liegen dafür woanders :-)). Das macht Frauen aus meiner Sicht zu Spitzenführungskräfte, die keine Machtgehabe brauchen.

Ich als Unternehmerin habe mir selbst vorgenommen, so viele wie mögliche Mütter einzustellen, denn sie sind klasse! Aus eigener Erfahrung in meinem Unternehmen kann ich bestätigen: Mütter sind empathisch und besitzen eine hohe emotionale Intelligenz. Sie sind gut organisiert, effizient, denken vorausschauend und wissen wie sie ihre Schützlinge bei Laune halten. Das sind aus meiner Sicht einige der wichtigen Fähigkeiten, die eine Führungskraft dringend braucht. Und wenn sie hinzu Erfahrung aus einer anderen Kultur mitbringen, dann ist das schon kaum zu toppen!

Christine Szendi hat gesagt…

Danke für diesen Artikel! Gott sei Dank warten Millionen von Frauen nicht darauf, bis ihnen Männer aus der Wirtschaft den Willen zu Führungskompetenz zuerkennen und üben diese statt dessen natürlicherweise in der Erziehung ihrer Kinder und der Führung des Familienclans aus. Ich bin Mutter UND Unternehmerin und führe jederzeit mit links eine Firma im Vergleich zu einem Rudel wildgewordener Sechsjähriger mit Unterzuckung vom Tortenessen bei einer Geburtstagsparty ;-))

Vielleicht sind Frauen auch einfach anspruchsvoller, als man dachte. Macht reicht nicht. Spaß muss sein. Und Fairness. Und Kommunikation. Sinn dahinter. Win-Situationen für alle. Mit Herz und Seele dabei sein.

Die Zukunft der Berufswelt :-)

Johannes hat gesagt…

"Macht reicht nicht" finde ich super :-)

Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen