Montag, 9. Juli 2012

Doch kein rasches Wachstum

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Devise für junge Unternehmen lautete: Wachstum, aber so schnell wie möglich. Nur wer in kurzer Zeit eine erhebliche Größe und Bekanntheit erringen konnte, der hatte angeblich eine Chance, auf dem Markt zu bestehen. Das galt vor allem im Internet. Und so wurden Unsummen ins Marketing gesteckt, große Mannschaften aufgebaut und richtig geklotzt. Bis die erste Blase platzte.

Die gute Nachricht: Der Mensch ist offenbar doch lernfähig. Jetzt lesen wir, dass vorschnelles Wachstum für Start-up lebensbedrohlich sein kann. Statt alle Ressourcen ins Marketing zu stecken, sollten sich die Gründer lieber um ihr Geschäftsmodell kümmern, die Qualität ihres Produktes verbessern und neue Ideen in kleinen Pilotprojekten testen, als sofort das große Rad zu drehen.

Auch ein guter Rat: Besonders viel Sorgfalt sollten die Gründer auf die Auswahl ihrer Mannschaft legen. Die erste Generation prägt das Unternehmen wie keine andere, sie bildet praktisch die DNA der Firma und formt damit die Kultur auf Jahre. Allein dabei wird eigentlich klar, dass so etwas Zeit braucht und bei schnellem Wachstum gar nicht möglich ist.

Was aber sollte das dann mit dem Wachstumswahn? Geht es heute nicht mehr darum, rasch bekannt zu werden, damit man nicht überholt und abgehängt wird von anderen, die schneller sind? Ich habe den Eindruck, dass inzwischen auch im Internet die Vielfalt so groß ist, dass diese Hypothese kaum noch zu halten ist. Wie übermächtig erschien doch Amazon, wo man inzwischen aber auch nahezu alles bestellen kann. Gibt es deshalb keine anderen Versandhändler im Internet mehr? Es gibt sie, und offenbar ist da noch Platz für mehr.

Bleibt nur noch ein Grund für Unternehmen, das ganz große Rad zu drehen: Den Investoren ein gutes Gefühl zu geben. Wer schnell wächst, der demonstriert damit Erfolg, und das beruhigt die Geldgeber.
Hoffen wir, dass auch sie gelernt haben und den Unternehmen mehr Zeit geben, um ein tatsächlich tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Rezension zum Thema:
Schön schlank, Wirtschaftswoche 23/2012

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