Dienstag, 10. April 2012

Soziale Unternehmen

Wenn große Konzerne plötzlich ihr Herz für die Gesellschaft, für die Bedürftigen, für die Umwelt und für fairen Handel entdecken, dann löst das erst einmal Misstrauen aus. Nicht weiter verwunderlich, denn wer jahrelang den Shareholder-Value gepredigt und jede Entscheidung mit Blick auf den Aktienkurs begründet hat nach dem Motto: "Wir dienen der Gesellschaft, wenn wir Gewinn machen, weil wir nur dann wachsen können und damit weitere Arbeitsplätze schaffen, das reicht!", dem wird zunächst unterstellt, dass jedes soziale Engagement vor allem dem Image dienen soll und damit letztlich wieder dem Profit.

Glaubwürdiger ist es, wenn ein Unternehmensgründer mit dem klaren Bekenntnis startet, sowohl Nützliches für die Gesellschaft leisten zu wollen als auch Gewinn zu erzielen. Das ist allerdings alles andere als einfach, denn die beiden Ziele scheinen unvereinbar zu sein. Entweder man gründet eine Non-Profit-Organisation, die mit steuerlichen Vorteilen rechnen darf, oder ein Unternehmen, das Gewinn erzielen will und entsprechend steuerlich behandelt wird.

Aber dass soll sich jetzt ändern. Glaubt man den Gurus jenseits des großen Teiches, dann ist ein Trend zum "wohltätigen" oder "sozialen" Unternehmen festzustellen. Immer mehr Unternehmer wollen sowohl Nutzen stiften als auch Gewinn machen. "To make money" als einziges Ziel hat ausgedient, es geht um Höheres. Der Trend soll sogar geeignet sein, den Kapitalismus in seiner derzeitigen Form abzulösen.

Ist der Optimismus gerechtfertigt? Ich vermag das nicht zu beurteilen. Aber der Gedanke gefällt mir. Sehr sogar. Ich finde es auch gar nicht so schwer, die beiden Ziele in Einklang zu bringen. In einem Beitrag des Harvard Business Manager werden einige sehr einfache Prinzipien genannt, die dazu eingehalten werden müssten, und sie erscheinen mir unmittelbar einleuchtend:

Eine vernünftige Rendite: Soziale Unternehmen sind nur glaubwürdig, wenn sie sich mit einer überschaubaren Rendite zufrieden geben statt den Anteilseignern mit überzogenen Versprechen die Dollarzeichen in die Augen zu zaubern - und dies auch klar kommunizieren.

Eine breite Beteiligungsstruktur: Die Trennung von Eigentümer auf der einen und Mitarbeiter auf der anderen Seite birgt die Gefahr, das soziale Ziel irgendwann aus den Augen zu verlieren. Wenn die Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt sind, eventuell sogar auch Kunden und Zulieferer, sinkt das Risiko.

Faire Bezahlung: Wer auf Kosten der Mitarbeiter den Gewinn abschöpft bzw. ihn unter den Anteilseignern verteilt, dürfte erhebliche Probleme bekommen, die proklamierten Ziele zu erreichen.

Gemeinsame Führung: Vertreter der Stakeholder (Inhaber, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Kommunen...) im Führungsgremium sorgen dafür, dass die gemeinnützige Ausrichtung nicht vergessen wird - ebenso wie der Profit.

Transparenz: Offene Information für alle Stakeholder und nicht nur für die Inhaber - damit erst gar kein Misstrauen entsteht.

Schutz des Vermögens: In der Tat ein wichtiger Punkt. Irgendwie sicherstellen, dass das Vermögen keine Beine bekommt und das Unternehmen beim Eigentümerwechsel plötzlich mittellos dasteht.

Hach, mal wieder eine Utopie, ich weiß. Aber da diese Kriterien nicht von mir stammen, gleich eine ganze HBM-Ausgabe dem Thema gewidmet wurde und bekanntlich jeder Trend in den USA beginnt,
könnte an der Sache ja was dran sein.

Übrigens - so ganz an der eigenen Realität vorbei ist all das nicht "vorbeigeschrieben". Bei der jMS GmbH, an der MWonline beteiligt ist, leben wir die meisten dieser Prinzipien. Funktioniert gut.

Rezensionen zum Thema:
Anders wirtschaften
Auf dem Weg
Das wohltätige Unternehmen
Im Einklang mit der Gesellschaft, Harvard Business Manager 2/2012

Kommentare:

Ewald Dietrich hat gesagt…

Alle Punkte zusammen ließen sich vielleicht mit den Mitteln der Soziokratie als Organisationsmethode umsetzen: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziokratie

Frank Edelkraut hat gesagt…

Utopie? Ist dies nicht schon Realität? Bei der Lektüre sind mir spontan mehrere Unternehmen eingefallen, die die Mehrheit der genannten Punkte konsequent und erfolgreich repäsentieren. Es sind alles inhabergeführte Mittelständler, die in ihrer Region verwurzelt sind, Produkte herstellen, die echten Nutzen (auch eine Form sozialen Engagements!) bringen und eine Belegschaft haben, die selbstbewußt das Rückgrat des Unternehmens bilden.
Solche Unternehmen sind die Wirtschaft, nicht DAX-Unternehmen oder Investment-Organiationen, die von "Horror-sells-Journalisten" hochgeschrieben werden. Die Wirklichkeit ist viel besser als das Zerrbild in den Medien!

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…

Kajo Aicher
Eine Vision ist es allemal!
In der Gemeinwohlökonomie, nach Christian Felber, sind viele gute Ideen dazu vorhanden.
Über 100 Unternehmen sind hier als Pioniere unterwegs und erstellen die Gemeinwohlbilanz.
Näheres unter:
http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/

Johannes hat gesagt…

Hallo Herr Edelkraut,

bei allem Optimismus - wenn ich mich umschaue, dann finde ich nicht viele inhabergeführte Unternehmen, die dem entsprechen, was Sie beschreiben. Ich glaube, es gehört schon viel Mut dazu, als Inhaber z.B. auf eine hohe Rendite (sprich eigenen Gewinn) zu verzichten und dafür die Mitarbeiter fair zu bezahlen.
Wie sonst wären die vielen Niedriglohn-Jobs zu erklären - oder gibt es die nur bei Dax-Unternehmen?

Anonym hat gesagt…

Hallo Herr Thönneßen,

nach meiner Erfahrung ist die Mehrheit der inhabergeführten Unternehmen ohnehin nicht in der Lage hohe Renditen zu erwirtschaften. Die Größe des Unternehmens, Steuer- und Abgabenlast sowie der Wettbewerb lassen dies nicht zu. Trotzdem geben viele Unternehmer Geld für Dinge aus, die "kaufmännisch zweifelhaft" sind aber einen Nutzen für die Belegschaft oder das Umfeld (Vereine, Kommune etc.) haben. Bsp.: Werbung beim regionalen Sportverein macht unternehmerisch überhaupt keinen Sinn, finanziert aber die Arbeit dort. Aber! Meist wird dies einfach getan und nicht darüber gesprochen.
Umgekehrt wird jeder Unternehmer, der ums Überleben kämpft alle Mittel nutzen, das Unternehmen zu erhalten. Dann treten die Effekte auf, die sie andeuten. Würden wir anders handeln?

Viele Grüße

Frank Edelkraut

Johannes hat gesagt…

Sie haben völlig Recht, so läuft das bei vielen kleinen Unternehmen. Und dass diese keine hohen Renditen erwirtschaften können, ist sicher auch richtig. Wobei ich gerade mal wieder die Erfahrung mache, dass das nicht nur an der Abgabenlast und dem Wettbewerb liegt.
Wenn mir jemand zusagt, dass er mir in drei Tagen ein Angebot schickt und ich nach drei Wochen auf Nachfrage zu hören bekomme, er hätte im Moment so viel zu tun, dann ist mir sein Engagement für den Sportverein ziemlch wurscht. Und das ist kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Oder ich hab einfach nur viel Pech in letzter Zeit :-)
Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen