Montag, 28. März 2011

Ausbrennen

Zwischen Gartenarbeit und Newsletter
Arbeiten, wann immer man will und wo immer man will. Im Café um die Ecke, am Gartentisch bei herrlichem Frühlingswetter. Im Seminarhotel mal eben in der Pause. Und wenn einem nicht danach ist, eben eine Runde mit dem Hund spazieren, eine halbe Stunde joggen, die Gartenhecke schneiden, ein Nickerchen halten. Keine Utopie, gelebte Realität. Ich liebe die Selbstständigkeit.

Ständig erreichbar sein, stets online, hier noch ein kleines Konzept vollenden, schnell noch einen neuen Text veröffentlichen. Morgens als erstes das Laptop aufklappen und die e-Mails checken. Fluchen, wenn der Akku leer und im Café keine Steckdose in Reichweite ist. Beim Rasenmähen ein schlechtes Gewissen haben, weil sich die e-Mails häufen. Den Sonntag fest verplanen, um endlich den angefangenen Artikel zu beenden. Die Arbeit für einen schwachsinnigen Film unterbrechen, um anschließend noch wenigstens einen Teil der unvollendeten Werke anzugehen. Und ermüdet den Deckel zuklappen und sich vornehmen, am nächsten Tag eben ein bisschen früher aufzustehen. Kein Albtraum, auch gelebte Realität. Fluch der Selbstständigkeit?

Was lese ich da in der Wirtschaftspychologie-aktuell? "Menschen, die wenig Urlaub machen und sich auch am Wochenende nicht erholen, sterben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen." Schluck...
Mal nachgedacht und eine Liste von Symptomen durchgegangen (aus dem gleichen Heft):
  • Niedergeschlagenheit
  • Antriebs- und Freudlosigkeit
  • vegetative Überreaktionen
  • Verspannungen
  • gastrointestinale Beschwerden
  • Abnahme kognitiver Fähigkeiten
  • ...
Mmmmhhh... Ich lerne, dass Burnout keine Krankheit ist, zumindest keine, die von der Medizin anerkannt ist. Aber dass sich die Menschen darum nicht scheren und sich trotzdem schlecht fühlen. In ihrer individuellen Souveränität bedroht fühlen.
Immer mehr sollen es werden, und längst sind es nicht mehr die Selbstständigen, die sich selbst ausbeuten, aus Sorge, wichtige Aufträge zu verlieren, dass Kunden abspringen, dass sie eine Chance verpassen. Immer mehr abhängig Beschäftigte sehen sich der Erwartung ausgesetzt, gleichermaßen qualitativ hochwertige Ergebnisse zu liefern, aber gleichzeitig auch für eine ordentliche Rendite zu sorgen - was zuvor Aufgabe des Managements war.

Womit der Weg zurück in den Schoß eines Unternehmens also auch versperrt ist (nicht, dass ich das wirklich in Erwägung ziehen würde.) Bin ich also vom Burnout bedroht? Oder hat es mich schon erwischt? Hat jemand ähnliche Überlegungen angestellt? Oder gar für sich schon eine Antwort gefunden? Erfahrungen sind herzlich willkommen.

So, kurz mit dem Hund raus, danach geht es weiter mit dem Newsletter. Oder vielleicht doch morgen früh?

Rezensionen zum Thema in der Wirtschaftspsychologie-aktuell, 2/2010

Kommentare:

DieTschennie hat gesagt…

Hallo Johannes,

einige der oben aufgezählten Symptome sind mir aus nicht all zu ferner Vergangenheit bekannt. Mittler Weile ist sind die Stresshormone welche meinen Körper durchströmen der "guten Seite der Macht" zuzuordnen. Was nicht unbedingt erholsamer ist. Aber angenehmer.
Für mich als Neurodermitikerin ist der ökonomische Faktor in Bezug auf die Selbstständigkeit entscheidend. Habe ich den Eindruck mein Einkommen sei ausreichend und machen mir meine derzeitigen Aufgaben Spaß bzw. erfüllen mich, dann geht es mir gut. Keine Zweifel, kein Gewissen, alles Bingo. Diese eben genannten Quälgeister kommen immer dann, wenn es längere Zeit mal "nicht so gut" läuft. Was sich wiederum nicht gut auf die Psyche auswirkt und somit auch auf die Gesundheit. Alles ist im Fluss und alles ist mit einander verbunden (im Sinne von Zusammenhang).
Fakt ist, der Mensch braucht einiges um (gesund) zu Leben. Dazu gehört unter anderem Zufriedenheit. Eine Eigenschaft die wir uns in Zeiten des ewigen "Mehr" (mehr Rendite, mehr Umsätze, mehr Entwicklung, mehr Geld, mehr bla, bla) immer seltener gönnen.
Wenn bei mir der Akku leer ist, dann gönn' ich mir eine große Portion Zufriedenheit.

:-)

Roland Kopp-Wichmann hat gesagt…

Lieber Her Thönneßen,
die Situationsbeschreibung der digital Selbstständigen kenne ich auch gut.
Zum Glück habe ich aber auch noch zwei Berufe, wo ich täglich mit realen Menschen kommuniziere. Diese Abwechslung ist sicher gut.
Von den Symptomen habe ich zum Glück keines, habe aber auch viel Selbsterfahrung und Therapie gemacht und gelernt, meine Grenzen anzuerkennen und meine Anerkennungssucht zu begrenzen.

Andererseits weiß ich aus vielen Coachings, dass die Liste der Sysmptome auch auf viele Angestellte zutrifft. Es ist also weniger die Situation oder die viele Arbeit, sondern - wie immer - wie man damit umgeht.

In meiner Supervisionsarbeit von Teams in der Sozialarbeit nannten wir das meist "rücksichtslose Selbstausbeutung."

Beste Grüße
RKW

Sabine Dörfler hat gesagt…

Hallo Herr Thönneßen,

auch ich kenne solche Gefühle und Situationen - sie kehren immer mal wieder, wenn ich nicht aufpasse, denn ich bin sowohl selbstständig als auch alleinerziehend. Das heißt, es fehlt der Partner, der einem auch mal den Kopf wieder zurechtrückt!

Für mich habe ich festgestellt, dass ich am besten fahre, wenn ich mir selbst genug Aufmerksamkeit schenke, indem ich viel Sport treibe, mich regelmäßig an der frischen Luft bewege (mit oder ohne Hund, aber auch bei Regen), genügend Schlaf bekomme, aber auch meine Erreichbarkeit einschränke, d.h. eine gewisse "Strenge" gegenüber Kunden - nicht jede Deadline muss man sich nämlich diktieren lassen.

Mir gelingt es natürlich nicht immer, all' diese Vorsätze einzuhalten, aber wenn ich es mal vergesse, erinnern meine Kinder mich daran ;-)

Herzliche Grüße
Sabine Dörfler

Johannes hat gesagt…

Danke allen für die netten Kommentare. Mir selbst mehr Aufmerksamkeit schenken ist der Schlüssel, denke ich.
Die Kinder? Mmmhhh... die haben ja durchaus auch noch Erwartungen und Anforderungen. "Hey, wieso machst du nicht was weniger?!" und "Kannst du uns mal eben zum Sport fahren!" liegen nah beieinander :-)

Herzliche Grüße
Johannes Thönneßen