Montag, 3. März 2008

Müllhaufen Mitmach-Web?

Ich gebe zu, ich finde die Idee des Web 2.0 faszinierend: Wer von einer Sache Ahnung hat, stellt dieses Wissen anderen zur Verfügung und bekommt dafür deren Wissen zurück. Und da es dank der Web 2.0-Technologie so extrem einfach geworden ist, Wissen zu dokumentieren, sind die Hürden so niedrig wie noch nie. Unternehmen hoffen darauf, dass mit dieser Technologie endlich das Problem des "Wissensmanagement" gelöst wird, denn der Ansatz mit den Datenbanken, in die die Mitarbeiter ihr Know how einstellen und das dann von allen anderen bei Bedarf abgerufen wird, war schon bei der Entstehung fragwürdig.

Aber trägt die Idee? Wikipedia scheint der alles erschlagende Beweis zu sein. Wer sollte noch ein Lexikon oder eine CD mit Wissen erwerben, wenn es das ganze Wissen der Welt kostenlos im Netz der Netze gibt? Als entstehen tausende von Wikis, und das Wissen nimmt kein Ende.

Unsinn, sagt ein Medienunternehmer namens Andrew Keen, der ein Buch mit dem Titel "The Cult of the Amateur" geschrieben hat. Er hält wenig vom Mitmach-Web, wie er in einem Interview der managerSeminare verrät. "In Amerika gibt es einfach zu wenig qualitativ guten Content", sagt er. Nur in Amerika?
Die eigentliche Frage ist: Kann es funktionieren, dass wir Wissen, Filme, Musik, also vor allem immaterielle Güter, in Zukunft kostenlos erhalten? Keen argumentiert, dass, wenn es so käme, kein Mensch mehr eine Enzyklopädie kaufen würde, und das sei katastrophal für die Wirtschaft.

Aber genauso ist es ja: Brockhaus hat angekündigt, genau das zu tun: Das Wissen kostenlos ins Netz zu stellen. Vorbei die Zeiten, in denen eindrucksvolle Buchrücken im Wohnzimmerschrank intellektuelle Ansprüche dokumentierten. Keen fordert, dass die Experten wieder das Sagen haben sollten, und sie müssen den ach so verwöhnten Konsumenten endlich klar machen, dass es gute Inhalte gar nicht umsonst geben kann.

Was heißt "kostenlos"?

Aber vielleicht ist das alles gar nicht umsonst. Wir alle bezahlen dafür, und zwar mit der Duldung von Werbung. Mal zu Ende gedacht: Geniale Inhalte gibt es überall, finanziert von Unternehmen, die sich erhoffen, dass die Konsumenten andere Produkte erwerben, die irgendwie das Interesse der Zielgruppe treffen. Dann sind Filme nichts anderes als Transportmittel für Produkte (was zumindest bei James Bond Streifen schon perfekt funktioniert), und Musik dient nur der Untermalung von Werbebotschaften.

Und Wissen? Es wird so sein wie bei den kostenlosen Werbeblättchen in meinem Briefkasten. Die Inhalte sind so mies, dass einem das Papier leid tut, auf dem es gedruckt wird. Und wer will mir weismachen, dass die Werbetreibenden keinen Einfluss auf die Inhalte nehmen? Insofern tendierte ich dazu, Herrn Keen recht zu geben: Wer qualitativ hochwertiges Wissen haben möchte, wird auch in Zukunft dafür zahlen müssen. Und wer gute Musik und gute Filme sehen will, wird diese nicht bei You Tube und seinen Ablegern finden. Bleibt also die Frage, wie groß der Markt für Qualität ist. Und da bin ich mir dann wieder nicht mehr so sicher - zumindest wenn ich die Qualität der Fernsehformate betrachte, mit denen wir täglich belästigt werde.

Rezension zum Thema:
Web-2.0-Ideologen sind wirtschaftliche Analphabeten, managerSeminare 12/2007

Kommentare:

Jochen Robes hat gesagt…

Lieber Johannes Thönneßen, ich habe für mich entschieden, dass sich die Anschaffung des Werkes von Herrn Keen nicht lohnt. Zuviel Kulturkritik, zuviele Erinnerungen an die "Droge im Wohnzimmer" und andere "Gefahren", die uns mit fast jedem neuen Medium drohen. Und viel zuwenig Anerkennung für die Dinge, die heute durch das Web (2.0) möglich sind.

Aber die Frage nach den Informationen und Inhalten und ihrem Preis bleibt natürlich. Die alten Geschäftsmodelle funktionieren immer weniger, wie uns (spätestens) am Brockhaus deutlich wurde. Neue Modelle sind noch in der Schwebe: Informationen im Abo? Inhalte durch Werbung finanzieren? Wie auch immer die Antworten ausfallen werden, ich glaube, Kevin Kelly hat jüngst einige nützliche Denkhilfen gegeben: "When copies are free, you need to sell things which can not be copied. Well, what can't be copied?" Und als Antwort zählt er auf: "Immediacy, Personalization, Interpretation, Authenticity, Accessibility, Embodiment, Patronage, Findability". (nachzulesen hier: http://edge.org/3rd_culture/kelly08/kelly08_index.html

Gruß, Jochen Robes

Johannes Thönneßen hat gesagt…

Hallo Herr Robes,
danke für Ihren Kommentar. Sehe ich auch so: Skeptiker, die neue Techniken zuerst als Bedrohung erleben, gibt es genug. Andererseits reagiere ich inzwischen etwas allergisch auf die Euphorie, die jede neue Technik auslöst - allzu oft versandet die Begeisterung ebenso schnell wieder.

Der Hinweis darauf, etwas zu schaffen, was man eben nicht kopieren kann, gefällt mir, danke für den Link. Hier noch mal mit Verlinkung. Es bleibt auf alle Fälle höchst spannend...