Sonntag, 27. Januar 2008

Corporate Social Responsibility

Es stößt mir immer wieder auf, wenn diese Argumentation auftaucht: Nur Unternehmen, die wirtschaftlich gesund sind, können zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen, heißt es. Oder: Corporate Social Responsibility (CSR) sei unternehmerisches Handeln, dass über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinausgeht. Wie bitte?

Was man uns hier eintrichtern möchte, ist offensichtlich Folgendes: Ein Unternehmen hat einen "eigentlichen Zweck", und der besteht u.a. darin, Gewinn zu erzielen. Damit kann man zunächst Arbeitsplätze sichern. Und wenn noch etwas übrig bleibt, dann kann man sich auch um den Rest der Gesellschaft Gedanken machen.

Eine andere Argumentationskette sieht so aus: Unternehmen, die verantwortlich handeln, haben ein besseres Image bei Kunden und Investoren, was dazu führt, dass sie leichter an Kapital kommen und mehr Produkte bzw. Dienstleistungen verkaufen. Also ist es unternehmerisch sinnvoll, verantwortlich zu handeln, weil es den Gewinn erhöht, damit Arbeitsplätze sichert und dann wieder mehr zur Wohl der Gesellschaft beigetragen werden kann.

Fadenscheinige Argumentation

Beide Argumentationen haben einen gravierenden Haken. Die erste führt, logisch betrachtet, dazu, dass sich ein Unternehmer zuerst auf das Geld verdienen konzentriert, und wenn genug übrig bleibt, seine soziale Verantwortung entdeckt. So arbeitet nicht mal die Mafia, die bei allem, was sie tut, immer das Wohl der Familie im Blick hat.
Wäre es nicht richtig, sich bei jeder unternehmerischen Entscheidung Gedanken darüber zu machen, ob sie sozial verantwortlich und wirtschaftlich vernünfig ist? Sonst haben wir die allzu bekannte Situation, dass Unternehmen jede noch so unsoziale Entscheidung damit rechtfertigen: Wie müssen zuerst dem Wettbewerb trotzen, dann können wir uns um die Menschen kümmern.

Die zweite Argumentation mag ich ebenso wenig. Sie suggeriert: Tue Gutes, dann wirst du auch Gewinn erzielen, denn deine Kunden werden es schätzen. Man kann argumentieren, es sei doch egal, warum jemand "verantwortlich" handelt, Hauptsache, er tut es. Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass jene, die so agieren, jegliche Prinzipien über Bord werfen, wenn der Kunde oder Investor plötzlich, aus welchen Gründen auch immer, einen Konkurrenten mit weniger "verantwortlichem" Handeln bevorzugt. CSR als Wettbewerbsvorteil definiert ist ein wackeliges Konzept, auf das ich mich als Mitarbeiter, Kunde oder Mitglied der Gesellschaft nur ungern verlassen möchte.

Rezension zum Thema: Markt und Moral, PERSONAL 11/2007

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Leider ist, was Sie kritisieren, doch schon lange nicht mehr hinterfragtes Mantra nicht nur der "Managerkaste". "Profit first" oder gar: "das Ziel des Unternehmens ist der Gewinn" sind zu Schlagetotargumenten geworden. Wer da mit Werten, Ethik oder gar gesellschaftlicher Verantwortung kommt, muss sich den "Vorwurf" des Gutmenschentums anhören. Dieses - also ein guter Mensch zu sein - ist offenbar in weiten Kreisen nicht nur kein erstrebenswertes, sondern sogar ein zu vermeidendes Ziel; jedenfalls, solange man sich in wirtschaftlichen Zusammenhöngen bewegt. "Es ist doch nur Geschäft, nimm's nicht persönlich", sagte der Mafioso zum Opfer, und ging seine Kinder von der Schule abholen. So verhält sich nach meiner Beobachtung heut der Großteil der Menschen im Lande - teils freiweillig, teils dazu gezwungen fühlend.

Schon der Hinweis, dass unser Grundgesetz anderes vorsieht und somit eine Wirtschaftstägtigkeit, die dem Wohl der Allgemeinheit nicht förderlich ist, verfassungswidrig ist, wird ungläubig oder als vernaachlässigenwerte Regel angesehen. Vernachlässigenswert, weil sich insbesondere die Symbolfiguren in Wirtschaft und Gesellschaft auch nicht daran halten, und das ungestraft, oft sogar hoch gelobt.

Wobei es schon interessant wäre zu überlegen, welche Unternehmen denn hierzulande dicht machen müssten, müssten sie ihr Tun auch unter dem Kriterium des geselschaftlichen Wohls rechtfertigen ....

Anonym hat gesagt…

".....Wobei es schon interessant wäre zu überlegen, welche Unternehmen denn hierzulande dicht machen müssten, müssten sie ihr Tun auch unter dem Kriterium des geselschaftlichen Wohls rechtfertigen ...."

Sehr gut Anonym. Ich kann dem nur zustimmen. Da kann kein Unternehmen den "ersten Stein werfen".

Mir stellt sich schon bei dem Anglizismus (CSR) der konditionierte Gedankengang auf, daß es sich um einen weiteren belanglosen Innovations-Begriff handelt der durch das Management-Dorf getrieben wird. Während ich so schreibe und den Text formuliere, frage ich mich auch schon ob es sich überhaupt lohnt weiter darüber zu diskutieren.

@J.T.Ob CSR bei den Kunden ankommt und leichter Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen? Kommt auf das Unternehmen oder Produkt an. Nehmen wir doch mal eine Firma Heckler&Koch? Sind die Kunden gleich diejenigen die an einer CSR interessiert sind? Man muss immer zwischen der öffentlichen Meinung und den Käufern unterscheiden. Sind diese immer identisch?

Meine Meinung: Ziel eines jeden Unternehmens (oder besser Organisation/Organismus)ist überleben. Danach kommt das Ziel Gewinn zu machen. Daran ist überhaupt nichts verwerfliches. Das tut/versucht ein Angestellter auch. Warum sonst gründet jemand ein Unternehmen? Warum sollte sich dieses Ziel im Laufe der Unternehmensentwicklung ändern?

Beide dargestellten Argumentationen des Autors sind nicht fadenscheinig und haben auch keinen Haken. Sie stimmen. Der Vergleich mit der Mafia ist so dämlich, daß ich hoffen möchte der Autor hat dies nur geschrieben, daß Leser dieses Blogs empört darauf anspringen und Einträge hierzu machen (Normalerweise nimmt man Vergleiche/Begriffe aus der Nazizeit, da funktioniert das sehr gut). Ich sage jedenfalls nicht mehr zu diesem Vergleich.

Anonym hat gesagt…

Was erwarten wir von anderen Menschen (seien es CEOs und Politiker aber auch Lebenspartner, Nachbarn, Freunde, Vereinskollegen etc.)?
Wir erwarten i.d.R. doch als allererstes Charakterstärken wie Echtheit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit, genannt Authentizität! Und da wir als Menschen (Führungskräfte wie Mitarbeiter) wiederum das Bild der Unternehmen formen, ist eine Corporate Social Responsibility (i.s. Ludwig Erhards) zunächst nichts anderes als eine gesellschaftlich durchaus plausible und gerechtfertigte Erwartungshaltung von uns an uns alle, Sinn-volle Werte zu schöpfen und uns nicht gegenseitig ökonomisch über den Tresen zu ziehen... ;-))
Corporate heißt übersetzt nicht nur "Unternehmens..." sondern in erster Linie "geschlossen" und "gemeinsam". Schon mal gut... ;-) Und social heißt ebenfalls gemeinsam, (fürsorglich) verbunden bzw. verbündet.
Und (CS) Responsibility i.S.v. Ver-Antwort-ung bedeutet daher im Wortsinne gemeinsam und verbunden die geeigneten Antworten auf die Fragen zu finden, die uns die Wertefragen des Lebens stellen.
Zu abstrakt? Ich denke nein - denn das Leben findet nunmal in einer großen Interessensgemeinschaft statt, sei es privat, in der Nachbarschaft, im Verein und natürlich im Wirtschaftsalltag. Protzigkeit, Scheffelei und Großmannssucht mag durchaus einige wenige private wie berufliche Anhänger haben - aber dass echte Werte zu schöpfen sich weniger in reinen Gewinn-und Dividende-bringenden Innovationen offenbart, sondern in erster Linie in Form von nachhaltigem (!) Vertrauen in eine "Good-will" Unternehmens-Authentizität, sieht man ja an aktuellen Negativbeispielen (z.B. den Nokia-Handy-Retouren) derzeit ganz deutlich. Hier nimmt ein Renommierunternehmen ganz klar die falsche Ver-Antwort-ungshaltung ein in Bezug auf grundsätzlich drängende "soziale" Fragen....

Johannes Thönneßen hat gesagt…

Interessante Diskussion, wenn auch tatsächlich etwas abstrakt. Kann mich mit vielem anfreunden, aber dass das erste Ziel des Unternehmens darin besteht, zu überleben, gleich gefolgt vom Ziel, Gewinn zu machen, habe ich noch nie so gesehen. Um zu überleben, hätte ich Angestellter bleiben sollen, und der Gewinn war auch nicht schlecht.

Aber ein Unternehmen zu gründen bedeutet für mich zuerst, etwas zu unternehmen, im Sinne von etwas schaffen, und zwar etwas, das Sinn stiftet. Was dabei sinnvoll ist, darüber kann man lange streiten, aber sicher nicht etwas, das Gewinn erwirtschaftet, egal wie.

Ach ja, der Mafia-Vergleich. :-) Stimmt, das war provokativ gemeint, seriöser wäre natürlich der Vergleich mit Familienunternehmen gewesen. Werde mich bessern...

Kerstin Plehwe hat gesagt…

"Nur Unternehmen, die wirtschaftlich gesund sind, können zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen, heißt es."
Man könnte auch genau anderherum argumentieren: Nur Unternehmen, die zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen, werden (langfristig) auch wirtschaftlich gesund bleiben, da ihre Kunden diese übernommene Verantwortung honorieren.

"Oder: Corporate Social Responsibility (CSR) sei unternehmerisches Handeln, dass über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinausgeht."
Auch hier stimme ich überein, dass dies ein Fehlschluss ist. CSR sollte keinesfalls zum reinen Marketing-Projekt verkommen, weil sie dann unglaubwürdig ist. Und den Verlust der Glaubwürdigkeit als Basis einer erfolgreichen Unternehmen-Kunden-Kommunikation sollte kein Unternehmen riskieren.